Eine fahle Wintersonne stand über den Kalkzinnen der Grigna, als ich Riccardo Cassin in Lecco, der Industriestadt am Comersee, aufsuchte. "Vabbè", hatte der damals Neunzigjährige am Telefon gesagt, als ich um einem Gesprächstermin bat – als wollte er sagen: "Also gut, Signorina, wenn Sie nichts Gescheiteres zu tun haben." Und dann saßen wir uns im Wohnzimmer seines Hauses gegenüber. Beinahe sechzig Jahre lagen zwischen uns – doch Cassin war auch mit neunzig noch jung.

Wache Augen blickten mir damals aus dem braungebrannten, runden Gesicht mit der breiten Nase entgegen. Die riesigen Hände und langen Arme des kleinen Mannes untermalten seine klaren, prägnanten Worte. Nur die Beine "non vanno più", sie machten schon damals nicht mehr mit. Das hinderte Cassin nicht daran, jeden Sonntag in seine geliebten Berge, die Türme der Grigna oberhalb von Lecco, aufzubrechen. Das Bergsteigen habe er eben nie sein gelassen, nie!

Riccardo Cassin, der am 2. Januar 2009 hundert Jahre alt wird, hat nie aufgegeben. Seine Willenskraft kennzeichnet seine bergsteigerische Laufbahn und sein ganzes Leben. Stolz betonte er, er sei bei keiner einzigen großen Tour umgekehrt. Mehr noch: Alle seine Neutouren hatte er gleich beim ersten Versuch erfolgreich absolviert. Seine Frau rief dazwischen: "È un crapone, Signorina", ein Dickschädel sei er! Cassin lachte sein markiges Lachen und fügte an, sein Erfolg rühre vor allem daher, dass er immer optimal vorbereitet gewesen sei auf das, was ihn erwartete.

Tatsächlich: Riccardo Cassin ging schon vor acht Jahrzehnten das Bergsteigen mit der Einstellung eines Spitzensportlers an. Er war durch und durch Athlet und hatte in mehreren Sportarten trainiert, bevor er sich für das Bergsteigen entschied. Und er war ebenso entschlossen wie autoritär: "Auch wenn ich es nicht wollte – sobald ich in etwas involviert war, wurde ich zum Boss; die Befehle erteilte ich!" Er war es, der seinen Freunden die nächste Tour vorschlug ("Ich brauchte niemanden, der mir sagte, was ich tun sollte!"), er übernahm die Verantwortung und führte jede Unternehmung als Capocordata, als Seilschaftserster, an.

Mit siebzehn war der aus dem Friaul stammende Cassin auf der Suche nach Arbeit nach Lecco gekommen: "Ich verliebte mich in diese Stadt und bin geblieben!" Am ersten Sonntag bestieg er den Resegone, darauf folgten fünfzig Sonntage nacheinander, an denen er durch die Berge seiner neuen Heimat zog. Zusammen mit Freunden gründete er die Rocciatori Lecchesi, die Felskletterer von Lecco. Zeit hatten die jungen Kletterer, die alle aus dem Arbeitermilieu stammten, nicht viel, aber sie nutzten sie bis zur letzten Minute. Cassin arbeitete zwölf Stunden täglich als Metallarbeiter, sechs Tage die Woche. Nur der Sonntag stand zum Klettern zur Verfügung.

In der wenigen Freizeit, die Cassin blieb, gelangen ihm grandiose Touren: Erstbegehungen wie die Südostkante an der Torre Trieste, die Nordwand der Westlichen Zinne (beide 1935), die Nordostwand am Piz Badile (1937), deren Begehung er im Alter von 78 Jahren ein letztes Mal wiederholte, und vor allem der Walkerpfeiler an den Grandes Jorasses (1938) – damals neben den Nordwänden von Eiger und Matterhorn eines der drei großen "Probleme" der Alpen – verliehen seinem Namen eine unvergängliche Aura. Die erfolgreich geleiteten Expeditionen nach dem Krieg – zum Beispiel an die Südwand des Mount McKinley ("das großartigste Abenteuer meines Lebens") oder an den Gasherbrum IV im pakistanischen Karakorum – machten Riccardo Cassin endgültig zu einer Bergsteigerlegende. Er selbst sieht das natürlich anders: "Ich war ein ganz normaler Alpinist wie alle anderen auch. Alle, die in die Berge gehen, sind Alpinisten; die einen machen große Touren, die anderen bleiben auf den Wanderwegen – darin liegt der einzige Unterschied!"