Friede, Freiheit, Wohlstand: Es gibt viele Gründe, auf die Europäische Union stolz zu sein. Wir kennen ihre epochalen Errungenschaften. Etwas wird von Europas Politikern aber lieber verschwiegen. Der schikanöse Umgang mit jenen Europäern, die auf der anderen Seite des Schengenzauns leben und Europa kennenlernen möchten.

Wollen diese Leute heute ein Wochenende in London, Paris, Wien oder Budapest verbringen, so müssen sie neben ihrem Reisepass nicht nur Bürgschaften, Hotelrechnungen, Kontoauszüge, Lohnbestätigungen, Heiratsurkunden, Reiserouten, Sicherheitserklärungen und vieles mehr vorlegen. Sie müssen auch wochenlang auf ein Visum warten, das ihnen oft nach stundenlangem Anstellen in einer EU-Botschaft ohne Begründung verweigert wird. Wer all das nicht glauben will, der braucht sich bloß die Geschichten der Demütigungen anhören, die sich entlang der Schengengrenze täglich abspielen.

Die vor einem Jahr Richtung Osten verschobene Grenze teilt Europa in die Welt des Wohlstands und jene der Armut. Fern der europäischen Öffentlichkeit, in der Schengen für Sicherheit und bequeme Grenzübertritte ohne Reisepass steht, beschädigt die EU ihre von Politikern beschworenen Werte.

Außerhalb der EU steht Schengen zu oft für Demütigung und die Beschränkung der Reisefreiheit, um die Menschen des ehemaligen Ostblocks so lange gekämpft haben. Anstelle von Recht, Transparenz und Vorhersehbarkeit treten im Visaprozess Willkür, Inkompetenz und Korruption. Die Bürger von Sarajevo und Belgrad, Pristina und Skopje, Chisinau und Kiew teilen diese Erfahrung mit Europa.

Wie war diese Entwicklung möglich? Wie konnte ausgerechnet die EU, das Bollwerk für Freiheit, ein Grenzregime errichten, das an die Ausreisebestimmungen der DDR gemahnt? Brüssel verfügt zwar über Schengenkompetenz. Die EU-Kommission bleibt aber von den Entscheidungen der Innenminister abhängig, die den weitaus liberaleren Außenministern den Visadiskurs entrissen haben. Die Visaskandale in Deutschland und Österreich haben ihr Sichtfeld weiter verengt. Sie verwechseln Einwanderung mit Einreise, indem sie jeden osteuropäischen Touristen unter den Generalverdacht der illegalen Immigration stellen; und zeichnen das Bild von "Barbaren aus dem Osten", wie die kroatische Schriftstellerin Slavenka Drakulic´ es nennt.

Mit ihren abschreckenden Einreisehürden soll die organisierte Kriminalität eingedämmt, der illegale Arbeitsmarkt ausgetrocknet werden, so die Hoffnung. Doch Studien der Uno und lokaler NGOs belegen: Die Kriminalität am Balkan sinkt; die Zahl der Emigrationswilligen beträgt etwa 500.000 und ist damit weitaus geringer, als hiesige Hardliner und Boulevardmedien die Öffentlichkeit glauben machen wollen.