Lange totgesagt, war er plötzlich wieder da: Vater Staat erlebte mit dem Überschwappen der Finanzkrise auf Europa im Herbst 2008 eine ungeahnte Renaissance. Überall auf dem Kontinent riefen Banken und bald auch Firmen aus der Realwirtschaft nach staatlicher Hilfe, forderten Politiker, Experten und zunehmend auch die Bürgerinnen und Bürger die straffe Reglementierung der Finanzmärkte durch den Staat.

Der Staat sprang dann auch nolens volens ein - mit gigantischen Garantiesummen, Konjunkturprogrammen und Geldspritzen für notleidende Banken und Unternehmen. Das entschlossene Handeln, das - auch wenn es Nuancen gab - in allen europäischen Hauptstädten gezeigt wurde, fand allgemein Beifall. Der Staat war wieder da, einfach deswegen, weil er der Einzige war, der den Zusammenbruch des Systems abwenden konnte.

Die allgemeine Hochachtung für das entschlossene staatliche Handeln ist allerdings nicht frei von kritischen Untertönen und Gefahren. Ich möchte drei Aspekte herausheben, die - wie es mir scheint - Einfluss auf die zukünftige Ausgestaltung staatlichen Handelns haben sollten:

1. Die ungeheuer hohen Bürgschaften, Subventionen und Konjunkturprogramme konterkarieren die Bemühungen um Haushaltssanierung in Europa und gefährden die Arbeit fast eines ganzen Jahrzehnts. Zwar stimmt der Satz von Franz Müntefering, dass in Deutschland der Staat nicht arm ist, aber ein Schuldenproblem hat er schon. Wenn der Staat sich in der Krise allzu bereitwillig von denjenigen als Reparaturbetrieb in Beschlag nehmen lässt, die ihn jahrelang als ineffizient und überteuert gescholten haben, droht die Gefahr einer Selffullfilling Prophecy: Der Staat gerät an die Grenzen seiner Möglichkeiten. Und das nicht, weil er selbst seine Mittel und Möglichkeiten überschätzt hat, sondern weil er für andere einspringen muss, die ihn immer als unfähig und überfordert dargestellt haben. Langfristig könnte dies seine Legitimation untergraben.

2.Zudem sehe ich die Gefahr, dass im Zuge des Wiedererstarkens des Staates die stets fragile Balance von Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft durcheinandergewirbelt wird. Wir wünschen uns in Europa zwar einen starken Staat, aber keinen, der die Gesellschaft erdrückt und die Wirtschaft stranguliert. Das produktive Spannungsverhältnis zwischen den wesentlichen politischen und gesellschaftlichen Akteuren - noch dazu, wenn es in ein komplexes Mehrebenen-System eingebettet ist - kann durch Machtverschiebungen hin zum Staat nachhaltig Schlageseite bekommen und so negative Konsequenzen zeitigen.