Bis vor ein paar Tagen erklärte Peer Steinbrück jedem, der es wissen oder hören wollte, in recht deftigen Worten, was er von einem zweiten Konjunkturprogramm hält: gar nichts. Von "wirkungslosem Populismus" sprach der Bundesfinanzminister, von "sinnlosem Geldverbrennen", von "Lemmingen" oder von "Experten, die mit dem Zeitgeist surfen". Doch damit ist es jetzt vorbei.

Seit dieser Woche ist klar: Die Große Koalition wird Mitte Januar ein zweites großes Konjunkturpaket auf den Weg bringen und dafür voraussichtlich etwa 20 Milliarden Euro zusätzlich zur Verfügung stellen. Die Bundesregierung wird im Januar die Störung des gesamtgesellschaftlichen Gleichgewichts feststellen und die bislang geplante Nettoneuverschuldung von 18 Milliarden im kommenden Jahr drastisch erhöhen. Und was macht der oberste Kassenwart der Republik, der eigentlich den Bundeshaushalt konsolidieren und ausgleichen wollte? Er schweigt.

Peer Steinbrück, das ist nicht zu übersehen, hat sich verrannt. Schließlich besteht unter fast allen Experten schon seit Längerem kein Zweifel, dass ein zweites Konjunkturpaket, das diesen Namen verdient, angesichts der von Tag zu Tag dramatischeren Krisenanzeichen dringend notwendig ist. Und die Bundesregierung dafür die Schatulle öffnen muss. Nur der Finanzminister hat sich gegen diese Einsicht bislang mannhaft gewehrt. Zumindest nach außen.

Nun kommt das zweite Paket, spätestens Ende Januar. Die Vorbereitungen und Verhandlungen über die Details laufen bereits auf Hochtouren, am morgigen Donnerstag mit den Ministerpräsidenten der Länder, Anfang Januar mit den Spitzen der Großen Koalition. Die Kanzlerin und ihr Finanzminister können gar nicht mehr anders. Zu groß ist der Druck der Ökonomen, zu einheitlich sind die Forderungen aus den Parteien und aus der Wirtschaft.

"Es wächst die Erkenntnis, dass es Handlungsbedarf gibt", sagt der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion, Thomas Oppermann, der genau diesen Handlungsbedarf genauso wie sein Finanzminister noch vor zwei Wochen in Abrede gestellt hatte. Einen Sinneswandel habe es nicht gegeben, versichert der wackere SPD-Mann treuherzig, und fügt dann noch hinzu: "Vielleicht waren wir mit dem ersten Programm zu schnell".

Vielleicht lässt sich aber auch nur mit einiger Not kaschieren, dass die Bundesregierung in den vergangenen Tagen eine 180-Grad-Wende vollzogen und der Finanzminister dabei als Letzter eingesehen hat, dass er sich ohne Not an der falschen Stelle als der Aufrechte gegeben hat. Selbst als Angela Merkel vor ein paar Tagen mit den Worten "Wir prüfen alle Optionen" ihren Kurswechsel eingeleitet hatte, war dieses Signal nicht bei Steinbrück angekommen. Dabei droht der Finanzminister einen Teil jener Reputation, die er sich in den vergangenen Jahren als Sparkommissar und zuletzt als fachkundiger und entschlossenster Kämpfer gegen die Bankenkrise erworben hatte, zu verspielen.

Natürlich ist Steinbrück in keiner komfortablen Lage. Er musste schließlich zunächst gegenhalten, als sich Politiker, Experten und Lobbyisten in der Diskussion über zusätzliche Konjunkturhilfen mit immer neuen Ideen überschlugen. Es ist schließlich die Rolle des Finanzministers, solange es geht das Portemonnaie zuzuhalten, wenn andere die Spendierhosen anziehen. Rund 30 Vorschläge, die sich teilweise widersprechen, hat allein die SPD-Bundestagsfraktion gesammelt. "Wir mussten darauf achten, dass die Debatte nicht hyperventiliert", sagt Thomas Oppermann. Sicher gab es dabei Vorschläge, die sich spätestens auf dem zweiten Blick als wenig praktikabel entpuppt haben, zum Beispiel Konsumgutscheine.