In Frankreich gehen Millionen auf die Straße , auch in Deutschland, Großbritannien und Spanien streiken Beschäftigte - von Bulgarien, Griechenland, Litauen oder Lettland gar nicht zu reden. Selbst Russland erlebt eine Protestwelle, und nebenan befindet sich das kleine Island in eisiger See. Überall ist Winter, die gefühlte Temperatur liegt im arktischen Bereich, und das ist nicht nur wetterkundlich gemeint.

Die Regierenden häufeln Konjunkturpaket auf Konjunkturpaket und spüren doch, dass noch so viele Milliarden an Staatshilfen und Kapitalspritzen allein noch kein Vertrauen schaffen und den düsteren Horizont nicht aufzuhellen vermögen.

Warum eigentlich? Wer die Motive der Streikenden genauer studiert, findet durchaus ein paar Hinweise dafür. Beispiel England: Dort protestierten 900 Arbeiter einer Atomanlage gegen die Beschäftigung von italienischen und portugiesischen Leiharbeitern durch den französischen Energiekonzern Total auf "ihrem" Gelände in North Lincolnshire. Brüssel verurteilte den Streik, und der britische Premier Brown auch.

Beide haben natürlich recht, wo es um das verbriefte europäische Recht der Freizügigkeit geht – im Binnenmarkt wird dies nicht nur dem Kapital, sondern auch dem Faktor Arbeit zuteil. Politisch wie psychologisch freilich verdeckt das gute Argument einen bedenklichen Trend. Denn die portugiesischen und italienischen Arbeiter treten in England unter dem dortigen Lohnniveau an: Lohndumping, schimpfen die Gewerkschaften, Ausbeutung, rufen die britischen Beschäftigten.

Liegen sie denn falsch mit ihrem Protest? Gleicher Lohn für gleiche Arbeit ist seit über 100 Jahren die Parole der Lohnabhängigen und ihrer Fürsprecher. Im Nationalstaat hat sich diese Forderung inzwischen durchgesetzt, zumindest auf dem Papier (Frauen zum Beispiel machen da im Alltag vielerorts immer noch andere Erfahrungen). Jetzt muss dieses Recht europäisiert werden, und das in Zeiten verschärften Wettbewerbs. Die EU muss sich da eine Antwort einfallen lassen.

Der britische Arbeitskonflikt ähnelt dem älteren Krach um polnische Klempner in Frankreich, osteuropäische Fleischer in Deutschland oder baltische Schiffsarbeiter in Schweden. Der Konflikt ist also nicht Ergebnis, wohl aber Begleiterscheinung der gegenwärtigen Krise.