Als Beamte der Bundespolizei am frühen Nachmittag des 30. Juni 2007 am Bahnhof der mecklenburgischen Kleinstadt Pölchow eintrafen, fanden sie überall Spuren von Gewalt. In der S-Bahn Nr. 9016 waren Scheiben und Zwischentüren eingeschlagen, auf dem Boden mischten sich ausgerissene Haarbüschel und getrocknetes Blut. Auf dem Bahnsteig: Rund 100 Neonazis und kleinere Grüppchen sichtlich unter Schock stehender, teilweise verletzter alternativer Jugendlicher und junger Erwachsener sowie verängstigte "neutrale" Reisende.

Das große Wort führte an diesem Tag auf dem Bahnhof von Pölchow vor allem einer: Udo Pastörs, Vorsitzender der NPD-Fraktion im Schweriner Landtag. Man sei von "Linkschaoten" angegriffen worden, behauptete er nach Aussagen von Augenzeugen gegenüber den Beamten. Als Beweis gebe es auch Videoaufnahmen, sagte Pastörs. Dann drängte der rechte Funktionär zur Weiterfahrt. Denn in Rostock wollte die NPD an diesem Tag "gegen linke Gewalt" demonstrieren und "die Kameraden" warteten schon.

Tatsächlich konnten Pastörs & Co schon nach einer kurzen Personalienfeststellung mit der S-Bahn nach Rostock weiterreisen. Mit im Zug: Einige ihrer Opfer, die nach eigenen Angaben von Polizeibeamten gezwungen wurden, wieder mit den Neonazis in die S-Bahn zu steigen.

Zu den Ereignissen in der S-Bahn existieren sehr unterschiedliche Darstellungen: Da sind zum einen NPD und Neonazis, die sich wahlweise als Opfer und als "Sieger" einer Auseinandersetzung mit "Linksfaschisten" präsentieren - meist aber als letzteres. So wie beispielsweise die "Kameradschaft Malchin", die sich auf ihrer Website brüstet: "Ob im RE-Zug in Pölchow oder dem linken Studentenviertel, die Nationale Opposition hat (...) auf allen Ebenen einen klaren Sieg davon getragen."

Ebenfalls beteiligt: Bundespolizei und Landespolizei, die - je nach Einsatzort - zwei entgegengesetzte Versionen des Geschehens verfolgten. Eine Gruppe von Beamten geht sehr bald von einem Angriff einer zahlen- und kräftemäßig überlegenen Gruppe von Neonazischlägern aus dem gesamten Bundesgebiet auf unbewaffnete alternative Jugendliche und junge Erwachsene aus.

Andere Beamte übernehmen sofort die Version des NPD-Fraktionsvorsitzenden. Mit Rucksäcken voller Steine bewaffnete Linke seien mittags am S-Bahnhof Schwaan in die S-Bahn eingestiegen, in der sich zu diesem Zeitpunkt schon rund 150 Rechte auf dem Weg nach Rostock befanden, hätten dann "national gesinnte" junge Menschen angegriffen und unbeteiligte Passagiere durch Steinwürfe gefährdet. Schließlich sei es den Rechten aufgrund ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit gelungen, den Angriff zu beenden.

Ein Dutzend Verdächtige von Links

Tatsächlich leitete die Staatsanwaltschaft Rostock Ermittlungsverfahren wegen schweren Landfriedensbruchs gegen zwölf Männer und Frauen ein, die Polizeibeamte aufgrund ihres Äußeren der linken Szene zugeordnet hatten. Die zwölf waren gemeinsam mit rund 30 anderen, zum Teil erheblich verletzten Jugendlichen und unbeteiligten Reisenden von Polizisten in der Nähe einer Kleingartensiedlung bei Pölchow festgestellt worden. Die Kleingärtner hatten einigen Blutenden erste Hilfe geleistet, dann nahmen die Beamten die Personalien aller auf und filmten sie. Bei den Neonazis verzichteten die Polizisten an diesem Tag weitgehend auf Video- und Bildaufnahmen.