Maestro, es herrscht Krieg im Nahen Osten. Ermüdet es Sie, immer wieder dieselben Fragen gestellt zu bekommen und dieselben Antworten geben zu müssen?

Ich werde solange meine Meinung zum Konflikt zwischen Israel und Palästina äußern, so lange man mich darum bittet. Und so lange ich das Gefühl habe, dass Menschen, die Macht und Einfluss haben, hören, was ich sage, und sich vielleicht ein paar Fragen stellen – auch wenn sie am Ende anders denken als ich.

Haben Sie keinen Einfluss?

Ich bin kein Politiker. Mein Engagement war nie ein politisches, sondern immer ein menschliches. Ich habe keine Lösungen anzubieten.

Das West-Eastern Divan Orchestra wird 2009 zehn Jahre alt. Feiern Sie?

Natürlich: Dass es uns gibt! Und dass wir spielen. Wir haben während der letzten Libanon-Krise vor zwei Jahren gespielt und wir werden es auch jetzt tun. Ich habe die Tage seit der israelischen Bodenoffensive damit verbracht, mit den einzelnen Orchestermusikern zu sprechen. Natürlich gibt es keine einheitliche Haltung zu diesem Krieg. Und natürlich ist die Lage hoch komplex – emotional, mental und auch politisch. Da kommen junge Menschen zusammen, deren Völker Krieg gegeneinander führen. Der eine lebt in Israels Süden und wird seit Jahren von den Raketen der Hamas bedroht. Der andere hat Angehörige in Gaza. Und der Dritte, der aus Ägypten oder aus Syrien stammt, wird von seiner Familie unter Druck gesetzt. Alle aber haben mir gesagt: Wir müssen spielen und wir wollen spielen. Weil wir nicht an eine militärische Lösung des Konflikts glauben. Davor habe ich großen Respekt.

Was sagen Sinfonien von Brahms oder Beethoven in einer solchen Situation?

Was sollen sie sagen? Das, was sie immer sagen oder nie. Es wäre fatal, die Musik zu instrumentalisieren. Es geht darum, dass das Orchester sich positioniert. Das tut es, indem es der Welt zeigt: Sogar im Krieg ist es möglich, dass man miteinander kommuniziert. Außerdem werden wir in einer Erklärung offen legen, dass unter den Musikern höchst unterschiedliche Ansichten darüber existieren, wer die Verantwortung und die Schuld für das trägt, was im Gaza-Streifen gerade geschieht. Diese Differenzen, die sehr heftig sind und weit zurückreichen, werden wir nicht kaschieren. In Zeiten, in denen es um Leben und Tod geht, ist jede Schönrednerei fehl am Platz.

Wie hat die Politik das West-Eastern Divan Orchestra verändert, welche Auswirkungen hat umgekehrt das, was das Orchester tut, politisch?