Arme deutsche Jugend! Sie genießt einen fürchterlichen Ruf. Das vergangene Jahrzehnt habe eine charakterlose Kohorte " trauriger Streber " hervorgebracht, lästerte erst kürzlich ZEIT- Feuilletonchef Jens Jessen.

Auch die Leser von ZEIT ONLINE hadern mit dem deutschen Nachwuchs. Verglichen mit den jungen Italienern , die zu Hunderttausenden gegen die Berlusconi-Regierung demonstrierten, verglichen auch mit den jungen Griechen oder Franzosen , die den Konflikt mit dem politischen Establishment suchen, verhalte sich die deutsche Jugend viel zu lasch, schrieb kürzlich " soziales Gewissen ", stellvertretend für viele.

Youths clash with riot police on December 7, 2008 during a massive demonstration near the main police station in Athens following the deadly police shooting of a teenager late on December 6 in the Greek capital. Andreas Grigoropoulos, 15, was shot by a police officer who opened fire after youths threw objects at his car. AFP PHOTO / ARIS MESSINIS (Photo credit should read ARIS MESSINIS/AFP/Getty Images) © Getty Images

Feuilletonist wie Leser stützen sich auf empirische Fakten. Seit einigen Jahren zeigen die Generationsstudien, dass die heutige Jugend überaus leistungsbereit und geradezu unjugendlich pragmatisch ist. Aufgewachsen mit steigenden Arbeitslosenzahlen und düsteren Reformdebatten, bekamen die nach 1980 geborenen Jahrgänge früh ein globales Problembewusstsein eingetrichtert.

Tatsächlich nagt die Angst an der heutigen Jugend. Fast 70 Prozent der Unter-30-Jährigen fürchten sich vor Arbeitslosigkeit, so die neuste Shell-Jugendstudie von 2006. Ein Wert, der sich besorgniserregend gesteigert hat. 2002 waren es "bloß" 55 Prozent, die sich vor einem sozialen Abstieg oder dem Steckenbleiben im Prekariat fürchteten.

Auch ein Blick in die populären Zeitschriften dieser Generation zeigt, dass die Krise allgegenwärtig ist. Neon fragt in ihrer Titelgeschichte: "Wie sicher ist dein Job?" Im zynisch-nüchternen Ton wird der Leser gewarnt, dass es bald "auch dich" treffen könne, dass die Krise "alle zu Arbeitslosen auf Bewährung" mache. Ähnlich verzweifelt wird in der aktuellen Ausgabe von ZEIT Campus gefragt: "Was bin ich wert?" Und: "Wenn nicht Leistung zählt, was dann?"

Ein Rekordwert an Leistungsbereitschaft trifft auf ein offenbar kollektives Gefühl der Chancenlosigkeit. Der Bielefelder Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer hält eine neue Jugendrebellion nicht für unwahrscheinlich, im Gegenteil: Ihn wundere, "dass es so lange ruhig geblieben" sei. Nichts steigere die Wut so sehr wie das anhaltende Gefühl der Ohnmacht und das Gefühl, ohnehin nichts zu verlieren zu haben.

Erleben wir demnächst also einen neuen großen Jugendaufstand, vielleicht schon 2009? Geht die Generation Krise auf die Straße, um für bessere Chancen und mehr Unterstützung zu kämpfen?

Gut möglich, sagt auch Klaus Hurrelmann, Autor der Shell-Studien: Auch er erwarte eine Repolitisierung. "Das liegt in der Luft", sagt er. So streberhaft ist die deutsche Jugend nämlich gar nicht. Zwar sind die aktuellen Teens und Twens pragmatischer als ihre Vorgänger, aber eben nicht unpolitischer. Im Gegenteil. Die Jugend der achtziger und neunziger Jahre war ausgesprochen hedonistisch und eskapistisch. Die Shell-Studien belegen dagegen nun schon seit Jahren einen Anstieg beim politischen Engagement.

Genauer betrachtet, war der Herbst 2008 bereits ein Herbst der deutschen Jugendproteste. Anfang November schwänzten mehrere Zehntausend Schüler in etlichen deutschen Städten den Unterricht, um gegen das Abitur nach zwölf Jahren, gegen volle Klassen und für mehr Bildungsgerechtigkeit zu demonstrieren. In Berlin stürmten dabei rund 1000 Jugendliche die Humboldt-Universität. Mit der Parole "Laufdemos bringen nichts", verwüsteten sie den ehrwürdigen Eingangsbereich der Uni, samt der darin befindlichen Ausstellung gegen die Pogromnacht.

Auch die Demonstranten gegen die diesjährigen Castor-Transporte waren auffallend jung. 80.000 Schüler besetzten ebenfalls im November 2008 im Wendland die Schienen. Einige von ihnen hatten auch schon in Heiligendamm vor zwei Jahren gegen den G-8-Gipfel protestiert. Es gibt also durchaus eine neue Protestgeneration, die sich durch das Internet anscheinend mühelos mobilisieren lässt.

Neben dem politischen Engagement wächst auch die Gewaltbereitschaft, nicht nur im jungintellektuellen oder im linken Lager. Denn natürlich sind es nicht verängstigte Supergebildete, die immer zorniger werden. Viel beunruhigender ist, dass durch Hartz IV und Studiengebühren die soziale Spaltung zugenommen hat. Immer mehr Kinder und Jugendliche in Deutschland wachsen in kümmerlichen Verhältnissen auf und haben immer weniger Chancen da rauszukommen.

So ist es kaum verwunderlich, dass die Stars dieser prekären Generation Typen wie der Rapper Bushido sind, die mit primitiven Texten die Gewalt verherrlichen und sich über Schwule und Behinderte lustig machen. 2008 war auch das Jahr, in dem die Zahl der rechtsextremen Straftaten auf einen neuen Höchststand wuchs, nach kontinuierlichem Wachstum in den Vorjahren. In strukturschwachen Regionen wie der Westpfalz, Nordbayern oder Südsachsen, finden die Neonazis neuen Anklang bei den Jungen, ob auf der Straße oder bei Wahlen.

Die junge Glatze aus Görlitz und den Attac-Aktivisten aus dem Hamburger Schanzenviertel eint die Wut auf die herrschende Gesellschaft. Dass sie sich jemals zum Protest zusammentun, ist dennoch ausgeschlossen. Ideologische Gräben trennen sie. Hinzu kommen generationsspezifische, wie Gewaltforscher Heitmeyer betont: Ähnlich wie die Medien sei die heutige Jugend lebensweltlich zersplitterter denn je, sagt er. Es gebe etliche Subkulturen, die sich über die Feindschaft zueinander definieren.

An sich aber wäre genau das der Nährboden für die nächste große Jugendrevolte: kein Schulterschluss zwischen Links- und Rechtsradikalen, wohl aber einer zwischen brachliegendem Intellekt und zur Untätigkeit verdammter Arbeiterschaft. Schon die 68er waren einzigartig stark, weil sich Studenten und Schüler mit Arbeitslosen und Leiharbeitern solidarisierten – und umgekehrt. Diese Mischung war es auch, die in Italien den "Marsch auf Rom" erst ermöglichte.