"Feeeeeuchteschäden! Was tun?" Blixa Bargeld liest Hornbach. Grandios. "Erstens: Abmeißeln des beschädigten Putzes." Wer hätte dem bedeutsamen Musikdramatiker, dem Barfüßer mit den schwarzgemalten Zehen- und Fingernägeln, so viel Selbstironie zugetraut? "Zweitens: Bohrlöcher nach Anleitung setzen." Wer hätte gedacht, dass der Hohepriester des Industrial Rock Werbung für einen Baumarkt macht? "Drittens: Einsetzen der Injektionstrichter und Verfüllen mit der Horizontalsperre Trockene Wand."

Mit weißem Hut, in dunklem Anzug mit Weste und Krawatte sitzt der König der Ganzkörper-Performance hinter einem Tisch, zügelt mühsam die Gestik zu Fingerzeigen und kokettem Wegschnippen der kinnlangen Frisur. "Viertens: Verschließen der Löcher durch Bohrlochschlämme." Die mephistophelische Stimme, die sonst, bei den Einstürzenden Neubauten, existenzkrisenverdunkelte Zeilen mehr deklamiert als singt, verwandelt Bauanleitungen in experimentelle Lyrik. "Hornbach – es gibt immer was zu tun. Yippi jaja, yippi yippi yeah." Lyrik oder Komik, wer vermag das zu sagen?

Damals, in den achtziger Jahren, als es echte Punks gab und Berlin noch Frontstadt war, stand die Apokalypse kurz bevor. Das Logo der Neubauten, das toltekische Felsmalerei-Männecken mit dem Kreis um den Kopf, prangte auf jeder Rostlaube. Mit ernsten Gesichtern lauschten schwarz gekleidete Menschen in besetzten Häusern dem Gedröhn aus den Boxen. Der Schlagzeuger NU Unruh hatte sein Instrument verkauft, die Neubauten verwandelten Not in Tugend: Nach der Devise "Sei schlau, klau beim Bau" musizierten sie auf Stahlblechen und Waschmaschinen.

Auch der ehemalige Abwärts-Trommler FM Einheit richtete sich zwischen Vorschlaghammer, Bohrmaschine und Stahlfedern ein, dass es nur so donnerte. Dazu kreischte, hauchte, brüllte Blixa Bargeld, gab mit wandlungsfähiger Stimme Lieder von sich, die Stahlversion oder Hirnsäge oder Das letzte Biest (am Himmel) oder Hör mit Schmerzen hießen. Ja, das war manchmal schmerzhaft.

Die Einstürzenden Neubauten trafen einen Nerv. Mit ihrem Album Halber Mensch von 1985 war der schöpferische Nihilismus in der Hochkultur angelangt. Sie richteten sich in der Kunstszene ein, traten bei der Documenta auf und in Theaterprojekten, bei Peter Zadek und Heiner Müller.

Blixa Bargeld und die Einstürzenden Neubauten machten den schöpferischen Nihilismus zur Hochkultur © Thomas Rabsch

Die Stücke der Neubauten wurden konstruierter, statt spontan gefundener Klänge und langer improvisierter Strecken bauten sie Konzeptkunstwerke. Bargeld spielte Brecht und fühlte sich als Dichter. Auf der Bühne mimte er den Maniker, gibt bis heute gern den Kinski, auch wenn viele Stücke ruhiger geworden sind und die Gitarren dosierter kreischen. Die Augen rollen, der Körper zuckt, Arme gestikulieren durch Stroboskopgewitter, geschürzte Lippen betteln: "Füttere mein Ego! Füttere mein Ego!"

Dabei hatte Bargeld stets auch eine andere Seite. Von 1984 bis 2003 war er der Gitarrist bei Nick Cave & The Bad Seeds, stand meist brav hinter dem australischen Sänger, der schon früher den Weg vom kreativen Krach zu düsteren Balladen gefunden hatte. Seite Ende der Neunziger wurden auch die Neubauten eingängiger. Bargeld erkannte, wie er in einem Interview sagte, eine Entwicklung vom Schreien zum Singen.

Er klingt heute nach Rio Reiser – stets hat er Ton Steine Scherben verehrt. Sein Gesang ähnelt auch dem Sven Regeners von Element of Crime – mit ihm teilt er die Vorliebe für kryptische und clevere Wortakrobatik, beide verwenden Rhythmen und Metaphernwelten mit dadaistischen Humorspuren. Der Mann, den sogar die Mutter Blixa nennt, obwohl er doch Christian heißt, hält Lyrik-Lesungen und hat Hörbücher veröffentlicht. Er lebt meistens in Peking, weil er sich in eine chinesische Mathematikerin verliebt hat.

Die Neubauten bringen ihre Musik seit 2002 ohne Plattenfirma heraus. Über Internetprojekte, bei denen Subskribenten gegen Vorkasse eine Exklusivausgabe des späteren Albums erhalten und zeitweise im Internet der Band bei den Proben zusehen, Fragen stellen und Vorschläge einschicken dürfen. Im Projekt Musterhaus sind zudem im Abonnement mehrere CDs mit experimentellerem Material und Spielereien erschienen.

Enttäuschte Anhänger, denen die heutigen Neubauten zu wenig lärmen, behaupten, deren Interesse beschränke sich mittlerweile auf immer neue Vermarktungswege. Aber Stücke wie das Duett Stella Maris mit Meret Becker (1996) oder die Enklavenhymne Nagorny Karabach vom jüngsten Album Alles wieder offen (2007) sind auch ohne demonstrative Destruktion wunderbar dichte Werke – und wirkliche Dichtung.

Mag sein, Bargeld ist ein wenig moppelig geworden. Wenn er im Maßanzug von den niedrigen Preisen in China schwärmt, tönt das arg spießbürgerlich, nicht nach Haste-ma-ne-Maak-Attitüde. Aber auch mit 50 Jahren zieht der intellektuelle Hüne so ziemlich allen davon, die auf Deutsch zu reimen wagen. Er wird sich schon an seine eigene Devise halten: "Lass dir nicht von denen raten / Die ihren Winterspeck der Möglichkeiten / Längst verbraten haben."

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