St. Landry Parish ist eine sehr ländliche Gemeinde mitten im US-Bundesstaat Louisiana. 90.000 Einwohner leben hier, knapp zwei Stunden nordwestlich von New Orleans. In St. Landry Parish, so scheint es, ist die Welt noch in Ordnung, und die Probleme der amerikanischen Großstädte sind weit weg. Von wegen. Bei verdeckten polizeilichen Ermittlungen in den örtlichen Fitnessstudios wurde kürzlich die größte Menge anaboler Steroide in der Geschichte der Gemeinde entdeckt. Mehr als 100 Kunden und 15 Doping-Dealer wurden dabei identifiziert; 10 von ihnen wurden festgenommen.

Mindestens jeder Fünfte der Kunden war ein Sportler der sechs öffentlichen Highschools. Ein Ergebnis, das die Polizei genauso erschreckte wie die Schulbehörde. Gedopt, so dachten alle gutmütig, werde doch nur bei Profi-Sportlern. Und leistungssteigernde Mittel seien ohnehin nur in der Unterwelt von New York, Los Angeles und Miami zu bekommen, aber doch nicht in ihrer verträumten Kleinstadt.

Von Connecticut bis Kalifornien, von Alaska bis Alabama gibt es viele weitere St. Landry Parishs – und anscheinend keine Lösungen. "Highschools uneinig im Kampf gegen Doping", schreibt die New York Times. Das Problem ist, dass Eltern und Trainer die Jugendlichen mitunter sogar ermutigen, unerlaubte Mittel zu nehmen. Alles in der Hoffnung, prestigeträchtige Meisterschaften zu gewinnen oder Universitätsstipendien zu bekommen.

Nicht jedes Elternhaus kann seinem Sohn ein Studium finanzieren. Die Gebühren für eine vierjährige Ausbildung an einer staatlichen Universität kosten rund 50.000 Dollar – private Bildungseinrichtungen verlangen mindestens das Doppelte. So ist der Sport für finanziell Benachteiligte oft der einzige Weg, einen Platz an den Unis zu bekommen. Und wer sportlich besonders talentiert ist, zahlt bisweilen während seines gesamten Studiums keinen Cent. Diese Aussicht ist Verlockung und Verführung zugleich.

"Ich bekomme Meldungen aus Schulen und von Kinderärzten, dass die Jugendlichen immer mehr zunehmen – um vier bis acht Kilogramm. Kein Fett, sondern reine Muskelmasse. Das ist das Ergebnis von Doping, und das müssen wir unbedingt bremsen", sagt Don Catlin. Er ist Geschäftsführer von Anti Doping Research, einer gemeinnützigen Firma aus Südkalifornien.

Während Catlin noch voller Aktionismus steckt, hat Charles Yesalis schon fast resigniert: "Wir haben den Zeitpunkt, etwas zu ändern, verpasst. Und ich bin mir nicht einmal sicher, ob das alles die Leute überhaupt noch interessiert. Wahrscheinlich müssen erst 20 Kinder an den Folgen von Doping sterben, damit die Öffentlichkeit aufhorcht", sagt der ehemalige Professor der Penn State Universität und Experte für leistungssteigernde Mittel. Yesalis wirft den Highschools eine "Vogel-Strauß-Haltung" vor. "Über Jahre hinweg haben sie den Kopf in den Sand gesteckt und so getan, als existierte ein Dopingproblem nicht", schimpft er.

Doch auch wenn es Direktoren, Lehrer und Sonderpädagogen nicht wahrhaben wollen, illegale Substanzen gehören mittlerweile genauso zum Alltag der 15- bis 18-jährigen Schüler wie in den amerikanischen Profiligen. Denn anabole Steroide sind leicht erhältlich und selbst für Jugendliche finanzierbar. In einer kürzlich von der Universität Michigan veröffentlichten, landesweiten Studie, gaben 225 der 2245 befragten Mütter und Väter an zu wissen, dass Sportler der jeweiligen örtlichen Highschool dopen.

Nur die Bundesstaaten Illinois, New Jersey und Texas führen verbindliche Dopingtests an Highschools durch. Dass es nicht mehr sind, liegt an den hohen Kosten von 200 bis 300 Dollar pro Probe. Solche Preise schrecken Kommunen ab und locken Kriminelle an.

Die Regierung in Washington könnte helfen und wollte dies ursprünglich auch. 2004 wurde ein Gesetz zur Kontrolle anaboler Steroide verabschiedet. Bis 2010 sind jährlich eigentlich 15 Millionen Dollar vorgesehen. "Bislang ist aber noch kein Penny davon geflossen", ärgert sich Dr. Linn Goldberg. Goldberg leitet das sportmedizinische Institut der Universität für Gesundheit und Wissenschaft in Oregon. Im Vorjahr hatte er eine Expertise veröffentlicht, die zeigt, dass Dopingtests die Schüler der Highschool nicht davon abschrecken, verbotene Substanzen zu nehmen. "Es wird so wenig kontrolliert, dass die Chance, ertappt zu werden, winzig klein ist", sagt Goldberg.

Und die drei Bundesstaaten, die testen, machen dabei viele Fehler. Dennoch wird ein Anti-Doping-Kampf vorgetäuscht, um die Öffentlichkeit zufriedenzustellen. In Illinois und New Jersey wird beispielsweise erst ab den Play-offs kontrolliert. Das, so betonen Anti-Doping-Experten, nutzen die Schüler aus. Denn sie wüssten genau, wie lange sie illegale Mittel nehmen können und wann sie damit aufhören müssen, um nicht erwischt zu werden.

In Texas sind die Kontrollen eher Stichproben und die Ergebnisse zweifelhaft. So wurden im Vorjahr an 10.000 der landesweit 700.000 Highschools Doping-Untersuchungen durchgeführt. Dabei gab es nur zwei positive Tests – und das in einem Staat, in dem Football so populär ist wie der Fußball im Ruhrgebiet. Zudem grenzt Texas an Mexiko, von wo aus viele illegale Mittel in die USA verschickt werden, sogar bis nach St. Landry Parish.