Während der Krieg in Gaza weiter tobt , diskutieren in Berlin palästinensische und israelische Friedensaktivistinnen darüber, wie Frieden in der Region möglich werden kann. ZEIT ONLINE hat mit zwei von ihnen gesprochen.

ZEIT ONLINE: Sie beide sind als Friedensaktivistinnen tätig, Amal Khreishe im Westjordanland, Inna Michaeli in Israel. Wie haben Sie sich getroffen?

Amal Khreishe: Wir haben uns über die Koalition Women for Peace kennengelernt, deren Koordinatorin Inna ist. Wir arbeiten mit vielen israelischen Friedensaktivisten zusammen, außerdem haben wir gemeinsam Kontakt zu einer schwedischen Frauenorganisation.

Inna Michaeli: Dadurch hatten wir überhaupt die Chance, uns persönlich kennenzulernen, denn ich als Israelin kann nicht einfach nach Ramallah reisen und für Amal ist es unmöglich, mich in Tel Aviv zu besuchen. Seitdem Krieg herrscht, können wir gar nicht mehr offen kooperieren, der meiste Kontakt passiert heimlich.

ZEIT ONLINE: Nun sind Sie beide in Deutschland, weit weg vom Krieg, der Ihre Familien und Freunde bedroht. Wie empfinden Sie das?
 
Khreishe: Auch hier in Deutschland fühle ich mich nicht weit weg vom Krieg, er ist ja omnipräsent in den Medien. Außerdem bin ich hier, um den Palästinensern eine Stimme zu geben und den Menschen in Europa darzulegen, wie man die Katastrophe in Gaza stoppen kann. Wir sind sehr wütend darüber, dass sich der UN-Sicherheitsrat Israel nicht entgegenstellt und die Regierung nicht in die Pflicht nimmt, den Krieg zu beenden. Die ganze internationale Gemeinschaft deckt dieses Verhalten ...

Michaeli: ... und legitimiert es dadurch.

ZEIT ONLINE: Mit dieser Haltung, Frau Michaeli, dürften Sie in Israel gerade ziemlich alleine dastehen.

Michaeli: Ich finde es ziemlich unfair, dass man davon ausgeht, dass israelische Staatsbürger nicht fähig sind, kritisch zu denken - nur weil unsere Regierung versucht, die Opposition ruhig zu stellen, um nach außen Geschlossenheit demonstrieren zu können. Tausende Israelis gehen auf die Straße, um gegen den Krieg in Gaza zu demonstrieren. Selbst in Sderot (die israelische Grenzstadt, die besonders unter dem Beschuss palästinensischer Kassam-Raketen zu leiden hatte, Anm. d. Red.) protestieren Studenten inzwischen gegen die Bombardierung von Gaza. Und man darf natürlich nicht vergessen, dass rund 20 Prozent der israelischen Staatsbürger Palästinenser sind. Somit haben wir sogar eine relativ große Opposition. 

ZEIT ONLINE: Welche Reaktionen bekommen Sie von Ihren Landsleuten auf Ihren Protest?

Michaeli: Vor allem seit Beginn des Gaza-Kriegs werden Leute, die dagegen protestieren, unter Druck gesetzt. Mehr als 200 Menschen sind schon festgenommen oder sogar von zu Hause abgeholt worden. Ich denke, die Regierung hatte eine Reihe von Leuten im Visier und hat nur auf eine Gelegenheit gewartet, gegen sie vorzugehen.  

Khreishe:
Die palästinensische Autonomiebehörde hat den Widerstand im Westjordanland und in Ostjerusalem in der Vergangenheit unterdrückt. Menschen wurden daran gehindert, ihre Bürgerrechte wahrzunehmen, ihre Meinung auszudrücken. Leute wurden während Demonstrationen geschlagen oder festgenommen. Die Autonomiebehörde befindet sich in einer sehr schwierigen Situation. Egal, ob die Hamas in diesem Krieg als Sieger oder Verlierer hervorgeht – der Großteil der Palästinenser wird mit ihr sympathisieren, weil sie Widerstand gegen die Besatzung leistet.

ZEIT ONLINE: Wie weit darf dieser Widerstand Ihrer Ansicht nach gehen?

Khreishe: Er darf sich im Rahmen des internationalen Rechts bewegen. Ich bin nicht dafür, dass Zivilisten getötet werden. Aber lassen Sie mich offen sprechen: Siedler, die innerhalb der besetzten Gebiete leben, sind für uns keine Zivilisten. In allen Friedensgesprächen wurde gefordert, dass die Siedlungsaktivitäten zurückgefahren werden. Daher sehe ich Widerstand gegen Soldaten und Siedler als legitim an.

Michaeli: Was das Recht der Palästinenser auf Widerstand angeht, stimme ich Dir theoretisch vielleicht zu, aber als Feministin kann ich keine Form der Gewalt akzeptieren. Das internationale Recht unterscheidet zwar klar zwischen Zivilisten und Soldaten, aber in einer hoch militarisierten Gesellschaft wie der israelischen gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Soldaten und Zivilisten. Das gilt auch für die Siedler. Viele von ihnen sind zum Beispiel russische Einwanderer. Sie kommen nach Israel und man sagt ihnen: Wir haben eine billige Wohnung für euch, gute Bildungsmöglichkeiten für eure Kinder und Sozialleistungen. Die Regierung benutzt ihre eigenen Bürger als Geiseln.

Khreishe: Und was sollen wir tun? Einfach sagen: "Hallo, wir sind gegen eure Besatzung. Geht bitte nach Hause?" Was erwartet ihr denn? Wenn die israelische Gesellschaft sieht, dass ihre Kinder als Soldaten im Kampf für die Besatzung sterben, werden sie Druck auf die Regierung ausüben.

Michaeli: Aber genau dasselbe denkt doch die israelische Regierung bei der Bombardierung von Gaza: Wenn die Zivilbevölkerung leidet, wird die Unterstützung der Hamas sinken. Genau das Gegenteil wird passieren! Mein Standpunkt ist: Es geht nicht darum, ob man Zivilisten tötet oder keine Zivilisten. Ich bin dagegen, dass überhaupt jemand getötet wird. Es ist eine Tragödie, dass 18-jährige Israelis Waffen in die Hand bekommen und Bomben auf Familien werfen. Es ist doch so: Menschen, die unter einer Besatzung leben, werden nie aufhören, Widerstand zu leisten. Ob ich das nun für legitim halte oder illegitim. Es ist einfach eine Tatsache. Deshalb ist es absurd zu sagen: Wir warten, bis der Widerstand aufhört und dann beginnen wir mit Friedensgesprächen. Das wird nie passieren.

Khreishe: Wir leisten ja auch nicht Widerstand um des Widerstands willen. Wir brauchen Sicherheit, Sicherheit für die Menschen. Das ist unser Recht. Die internationale Gemeinschaft muss Israel für die Besatzung zur Verantwortung ziehen. Wir erwarten, dass alle Länder, die sich den Menschenrechten verpflichtet fühlen, auch Deutschland, nun einzuschreiten.

Michaeli:
Wir realisieren auch gerade, wie wichtig es für uns als Opposition innerhalb Israels ist, die Einmischung der internationalen Gemeinschaft und Druck auf Israel zu fordern. Ich möchte klarstellen, dass Israel nicht nur Regierungssprecher hat, sondern eine Zivilbevölkerung, die Solidarität braucht.

ZEIT ONLINE: Frau Khreishe, Ihre Organisation hat einen offenen Brief an Frankreichs Präsidenten Nicolas Sarkozy und den designierten US-Präsidenten Barack Obama geschickt. Was genau erwarten Sie von ihnen?

Khreishe:
Zuerst müssen die Bombardierungen aufhören. Dann müssen sie Israel als Besatzungsmacht nach internationalem Recht zur Verantwortung ziehen. Der UN-Sicherheitsrat muss Israel auffordern, sich gemäß der UN-Resolution 242 von den palästinensischen Gebieten zurückzuziehen, die es 1967 besetzt hat. Anders wird es keine Chance auf eine Zwei-Staaten-Lösung geben.

Michaeli:
Wir haben keine Patentlösung und ich persönlich habe auch keine Vision, ob ich in einer Zwei-Staaten-Lösung leben will oder in einem Staat. Ausschlaggebend ist doch, was jetzt passiert. Natürlich muss das Blutvergießen im Gaza-Streifen aufhören und die Besatzung beendet werden. Wir verlangen Verhandlungen mit der Hamas, bei denen das Existenzrecht Israels gewährt werden muss. Aber als Ergebnis und nicht als Voraussetzung für die Verhandlungen. Sonst gibt es keine Chance auf eine Lösung.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle können Sie als Frauen im Friedensprozess einnehmen?

Kreishe: Unsere Gesellschaft ist sehr männlich und patriarchalisch aufgebaut. Wir kämpfen um unseren Einfluss an den Verhandlungstischen - auf beiden Seiten. Leider gab es im gesamten Friedensprozess bisher keinen Raum für unsere Stimme. 

Michaeli:
Wir haben zwar mit Zipi Liwni eine Außenministerin, doch sie verkörpert die traditionelle Rolle der Frauen. Mir geht es gar nicht darum, als Frau repräsentiert zu werden, sondern als Feministin. Wir wollen die politischen Strukturen im Land verändern. Wenn Frauen mit der Politik der Militärs kooperieren, ist das für mich kein Fortschritt, sondern eine Peinlichkeit.

ZEIT ONLINE: Glauben Sie, ein stärkerer Einfluss von Frauen kann diese Veränderungen bewirken?

Khreishe: Auf jeden Fall, das sieht man ja bereits in anderen Ländern. Es ist ein wichtiger Punkt, wenn Frauen ihre Vorstellung von Sicherheit auf den Verhandlungstisch bringen. Damit meine ich nicht geografische Sicherheit, sondern den Zugang zu Bildung und Arbeit, die Einhaltung von Menschenrechten, Würde, Gerechtigkeit.

Michaeli:
Als Feministin habe ich auch einen ganz anderen Begriff von Grenzen. Wenn wir uns hier treffen, komme ich nicht als Abgesandte Israels. Ich komme als Partnerin im Kampf gegen die Besatzung und für ein besseres Leben in unserer Region.

ZEIT ONLINE: Haben Sie Frauen als Vorbilder ?

Michaeli:
Die Vorbilder werden hoffentlich einmal wir sein!

Das Gespräch führte Carolin Ströbele