Khreishe: Wir leisten ja auch nicht Widerstand um des Widerstands willen. Wir brauchen Sicherheit, Sicherheit für die Menschen. Das ist unser Recht. Die internationale Gemeinschaft muss Israel für die Besatzung zur Verantwortung ziehen. Wir erwarten, dass alle Länder, die sich den Menschenrechten verpflichtet fühlen, auch Deutschland, nun einzuschreiten.

Michaeli:
Wir realisieren auch gerade, wie wichtig es für uns als Opposition innerhalb Israels ist, die Einmischung der internationalen Gemeinschaft und Druck auf Israel zu fordern. Ich möchte klarstellen, dass Israel nicht nur Regierungssprecher hat, sondern eine Zivilbevölkerung, die Solidarität braucht.

ZEIT ONLINE: Frau Khreishe, Ihre Organisation hat einen offenen Brief an Frankreichs Präsidenten Nicolas Sarkozy und den designierten US-Präsidenten Barack Obama geschickt. Was genau erwarten Sie von ihnen?

Khreishe:
Zuerst müssen die Bombardierungen aufhören. Dann müssen sie Israel als Besatzungsmacht nach internationalem Recht zur Verantwortung ziehen. Der UN-Sicherheitsrat muss Israel auffordern, sich gemäß der UN-Resolution 242 von den palästinensischen Gebieten zurückzuziehen, die es 1967 besetzt hat. Anders wird es keine Chance auf eine Zwei-Staaten-Lösung geben.

Michaeli:
Wir haben keine Patentlösung und ich persönlich habe auch keine Vision, ob ich in einer Zwei-Staaten-Lösung leben will oder in einem Staat. Ausschlaggebend ist doch, was jetzt passiert. Natürlich muss das Blutvergießen im Gaza-Streifen aufhören und die Besatzung beendet werden. Wir verlangen Verhandlungen mit der Hamas, bei denen das Existenzrecht Israels gewährt werden muss. Aber als Ergebnis und nicht als Voraussetzung für die Verhandlungen. Sonst gibt es keine Chance auf eine Lösung.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle können Sie als Frauen im Friedensprozess einnehmen?

Kreishe: Unsere Gesellschaft ist sehr männlich und patriarchalisch aufgebaut. Wir kämpfen um unseren Einfluss an den Verhandlungstischen - auf beiden Seiten. Leider gab es im gesamten Friedensprozess bisher keinen Raum für unsere Stimme. 

Michaeli:
Wir haben zwar mit Zipi Liwni eine Außenministerin, doch sie verkörpert die traditionelle Rolle der Frauen. Mir geht es gar nicht darum, als Frau repräsentiert zu werden, sondern als Feministin. Wir wollen die politischen Strukturen im Land verändern. Wenn Frauen mit der Politik der Militärs kooperieren, ist das für mich kein Fortschritt, sondern eine Peinlichkeit.

ZEIT ONLINE: Glauben Sie, ein stärkerer Einfluss von Frauen kann diese Veränderungen bewirken?

Khreishe: Auf jeden Fall, das sieht man ja bereits in anderen Ländern. Es ist ein wichtiger Punkt, wenn Frauen ihre Vorstellung von Sicherheit auf den Verhandlungstisch bringen. Damit meine ich nicht geografische Sicherheit, sondern den Zugang zu Bildung und Arbeit, die Einhaltung von Menschenrechten, Würde, Gerechtigkeit.

Michaeli:
Als Feministin habe ich auch einen ganz anderen Begriff von Grenzen. Wenn wir uns hier treffen, komme ich nicht als Abgesandte Israels. Ich komme als Partnerin im Kampf gegen die Besatzung und für ein besseres Leben in unserer Region.

ZEIT ONLINE: Haben Sie Frauen als Vorbilder ?

Michaeli:
Die Vorbilder werden hoffentlich einmal wir sein!

Das Gespräch führte Carolin Ströbele