Thorsten Schäfer-Gümbel hat es nicht leicht. Da sitzt der Spitzenmann der hessischen SPD mit den Spitzenkandidaten der anderen Parteien in der "Elefantenrunde" eines Radiosenders, und das Publikum lacht ihn schallend aus. Dabei hat Focus -Chefredakteur Helmut Markwort als Moderator seine Frage noch nicht einmal beendet, da unterbricht ihn schon Gelächter: "Herr Schäfer-Gümbel, wenn Sie Ministerpräsident werden ..."

Noch schlimmer wird es für den SPD-Kandidaten, als Markwort die Frage zu Ende bringt: "... nehmen Sie die noch amtierende Parteichefin Andrea Ypsilanti in Ihr Kabinett?" Jetzt herrscht plötzlich Totenstille. Schäfer-Gümbel windet sich minutenlang um eine Antwort. Er sagt, dass diesmal die Inhalte vor den Personen kämen. Aber er schafft es nicht, auch nur eine winzige Solidaritätsbekundung für Ypsilanti abzugeben. Für die Frau also, die ihn gefördert und an die Spitze gehievt hat und deren Kurs er bis zu ihrem Scheitern vehement mitgetragen hat.

Grünen-Chef Tarek al-Wazir beginnt, peinlich berührt, mit seinem Handy zu spielen. Selbst Roland Koch scheint in diesem Moment ein wenig Mitleid mit seiner alten Rivalin zu haben. Alle sind froh, als die Runde sich schließlich dem nächsten Thema zuwendet.

Dennoch, die Frage bleibt im Raume stehen: Was wird aus Andrea Ypsilanti, der politischen Verliererin von 2008? Für sie hatte das vergangene Jahr mit einem gefühlten Wahlsieg begonnen und – nach einem beispiellosen politischen Debakel – mit dem Verzicht auf die erneute Spitzenkandidatur geendet. Was macht sie jetzt, während ihr Zögling sich immer weiter von ihr emanzipiert?

Sie steht an diesem Dienstagabend im Wirtshaus "Zum Goldenen Löwen" in Darmstadt. Etwa 60 Genossen sind gekommen, der Saal könnte locker die vierfache Menge fassen. Eingeladen hat die örtliche Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF). Anders als im letzten Jahr kommt Ypsilanti allein, ohne Entourage, ohne Wahlkampf-Bus.

Es ist einer von Ypsilantis wenigen Wahlkampfterminen. Ihr Pensum ist arg überschaubar: Hier ein politisches Frühstück, da eine Diskussionsrunde. Selten sah man sie öfter als auf einem Termin pro Tag. Interviewanfragen blockt sie seit geraumer Zeit ab. Seit der Ankündigung der Neuwahl im November hat sie nur ein einziges größeres Interview gegeben. Ihr Pressesprecher sagt am Telefon, dass selbst er nicht mehr richtig an sie rankomme.