Manche Eltern werden langsam wahnsinnig. Andere schnell. Bevor das Kind überhaupt geboren ist, geht’s schon los: Wird es klug genug, gesund, schön, ein Anwalt oder doch lieber Schriftsteller? Schließlich ist man verantwortlich, kennt die Härten der Gesellschaft und was für Gräuel sie uns antun kann. Das will man den Kleinen ersparen. So nimmt der Wahnsinn seinen Lauf. Er kommt leise, stufenweise, hereinspaziert: Stufe eins.

Schlau muss das Kind sein, das schlauste, allerschlauste. Das kann man trainieren, heißt es und je früher, desto Einstein. Also schon im Mutterbauch: Klassik! Ist es da hinausgeflutscht, karrt man es zu Kreativkursen, schnallt es vors Klavier und plötzlich, huch, ja, "mein Kind ist hochbegabt"! Sagen manche Eltern dann und werfen sich in die Brust, wenn das Kind in der Schule einschläft, sich prügelt oder lieber Mitschüler ärgert, anstatt dem Unterricht zu folgen. Wenn das Kind schon verhaltensauffällig ist, dann bitte mit Sahne. "Hochbegabt" klingt auch besser als, nun ja, "schwierig". Das Eltern-Ego freut sich.

Das ist noch nicht alles. Es folgt Stufe zwei, die Gesundheit. Weißbrot? Cola? Süßigkeiten? Ha. In die Tigerentenfrühstücksdose kommen nur Vollkornkekse und Sojamilch. Das ist natürlich harte Arbeit, denn das böse Süßzeug schmeckt viel besser, und der Rest des Kindergartens, der Klasse, isst es doch auch! Aber wenn die Eltern beseelt und trendy durch die Bioläden taumeln und jeden Wellness-Hokuspokus mit machen, sollen auch die Kinder lernen, wo der Bauer den Dinkel herholt. Damit sie gesund essen, gesund bleiben – wie ihre Eltern, die ihnen auf Schritt und Tritt antibakteriell hinterher wischen.

So sitzen die Kleinen dann in ihren Zimmern, spielen mit antiallergischem Holzspielzeug, lesen Kant für Kinder , und die Eltern nennen das "Qualitätszeit". Was wurde eigentlich früher aus den Kindern, als es Elternratgeber, Schonkost und "kreatives Spielen" noch nicht gab? Alles adipöse Hilfsgärtner? Egal, weiter im Wahnsinn.

Also klug isses, kerngesund auch – bloß, wie es wieder rumläuft! Jetzt kommt Stufe drei, sie heißt: Wie wird das Kind stilbewusst? Ja, Sie lesen richtig! Denn Stil, so suggerieren uns Werbung, Fernsehen und Frau-im-Koma-Zeitschriften, sei ein wichtiger Teil unseres Lebens, bedeute Erfolg, weil Kleider machen Leute und wer gut aussieht, der bringe es zu etwas. Außerdem gibt es jetzt Designer, die diesen Kindermarkt entdeckt haben.

Und da sieht man sie schon, Kinder, die Kleinstmodelle des Burberry-Karo spazieren tragen, Barbour-Jacken-Miniaturen und so süßliche Mäntelchen und Kleidchen, die nie auch nur einmal gepflegtes Sandmatschburgbauen überleben könnten. Es sind die Kinder, die ihren Kindergartenfreunden sagen müssen: "Ich darf mich nicht schmutzig machen." Die Armen.

Gemeinhin könnte man denken, Kinderkleidung hat simplen aber wichtigen Anforderungen zu genügen. Kann man es waschen? Hält es eine Weile? Das hat mit Stil wenig zu tun. Warum auch? Den zu lernen, haben die Kleinen noch genug Zeit, durchs Ausprobieren, Trial and Error. Spätestens, wenn sie ihre Klamotte selbst aussuchen. Aber halt, Psychologen im Anmarsch:

Kinder sind besonders geprägt von ihrer Umwelt. Sie wollen das, was ihr soziales Umfeld in Schule und Kindergarten nahelegt.

Wie ihre Eltern! Die wollen bloß kein Einhornglitzersweatshirt, sondern ein iPhone oder irgendein Gucci-Täschchen, das sie im Frauenkindergarten Sex and the City gesehen haben. Vieles von dem, was sie hernach stilsicher nennen, ist ebenso durchs soziale Umfeld bestimmt wie der blaue Bärchenpulli, den sich das Kind jetzt herbeiwünscht. Nun, niemand sagt, Kindererziehung wäre leicht.

Warum nicht so: Eltern sollten sich mit den Wünschen ihrer Kinder arrangieren. Mit dem, was sie tragen, was sie wissen wollen und essen möchten. Da gibt es Grenzen. Aber es ist kein Grund, gleich wahnsinnig zu werden.