Das neue Brillenmodell von Thorsten Schäfer-Gümbel, dem Spitzenkandidaten der SPD, war der dramaturgische Höhepunkt eines ziemlich unspektakulären Wahlkampfes in Hessen. Keine kriminellen ausländischen Jugendlichen, keine Unterschriftenaktion gegen die doppelte Staatsbürgerschaft ("Wo kann man hier gegen die Ausländer unterschreiben?"). 1999 hatte Roland Koch mit Letzterem nämlich die Erfahrung gemacht, dass sich Ausländer wunderbar als Wahlkampfthema eignen. Und schwupps ist man Ministerpräsident.

Dann kam die Hessenwahl im Januar 2008 und die Rechnung ging nicht mehr auf. Roland Koch wollte gewalttätige Jugendliche eilig ausweisen und verlor erdrutschartig. Vielleicht wird man in einigen Jahren rückblickend feststellen, dass dies so etwas wie eine Zäsur in der politischen Kultur der Bundesrepublik dargestellt hat. Vielleicht gibt es sie, die Einsicht, dass in einer sich wandelnden, offenen Gesellschaft mit Rassismus keine Wahlen mehr zu gewinnen sind.

Auch deshalb, weil viele von uns inzwischen nicht nur Türken, sondern auch Deutsche sind und die Wahlurnen für uns entdeckt haben. Wenn wir dort "Roland Koch" lesen, dann sagen wir "Ach nö, lieber nicht".

Dies musste auch Roland Koch erkennen und hat entsprechend im vergangenen Wahlkampf gleich einen ganzen Karton Kreide gefressen. Zugegeben, die SPD hat es ihm ziemlich leicht gemacht. Koch musste einfach nur mit der Kreide im Mund stillhalten.

Aber, wenn Roland Koch diese Lektion gelernt hat, dann werden sich künftige Wahlkämpfer vielleicht daran erinnern und der Versuchung widerstehen, Migranten für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Das ist also die erste gute Nachricht.

Und die zweite gute Nachricht: Es ist nichts vergeben und vergessen. Die Wähler, denen immer die Gedächtnisleistung einer Fruchtfliege unterstellt wird, haben Roland Koch auch am vergangenen Sonntag das gleiche historisch schlechte Ergebnis wie im letzten Jahr beschert. Kreide hin, Kreide her.

Zum Schluss noch eine Anmerkung zu Thorsten Schäfer-Gümbel, dem Ministerpräsidenten unserer Herzen. Lieber Herr Schäfer-Gümbel, seien Sie nicht traurig. So wie Ausländerfeindlichkeit als Wahlkampfthema nicht mehr taugt, wird es eines Tages auch möglich sein, dass ein Mann mit Doppelnamen Ministerpräsident wird.