Gefangen ohne Beweise

Während das politische Washington sich noch zu Walzerklängen wiegte, verkündeten der neue Präsident Barack Obama und sein Team die ersten wichtigen Entscheidungen: Die Verfahren gegen mutmaßliche Terroristen im Gefangenenlager Guantánamo Bay werden gestoppt, das Lager soll binnen eines Jahres aufgelöst werden. Im kommenden Vierteljahr soll nun das Prozess-System generell neu geregelt und die Einzelfälle geprüft werden. Ein Militärrichter setzte am Mittwoch das Verfahren gegen den Kanadier Omar Khadr für 120 Tage aus.

Gegen Khadr sollte kommende Woche ein Prozess vor einem Sondertribunal beginnen. Angeklagt ist der Kanadier wegen der mutmaßlichen Ermordung eines US-Soldaten in Afghanistan. Zur Tatzeit war Khadr 15 Jahre alt. Auch die Verfahren gegen fünf mutmaßliche Hintermänner der Anschläge vom 11. September werden vermutlich vertagt. Unter ihnen befinden sich bekannte Al-Qaida-Mitlgieder wie Chaild Scheich Mohammed oder Ramzi Binalshibh, den Ermittler zur Hamburger Terrorzelle um Mohammed Atta zählen und für die Vorbereitung der Anschläge vom 11. September 2001 verantwortlich machen.

Chalid Scheich Mohammed soll der dritte Mann der al-Qaida gewesen sein © Getty Images

Gegen die meisten Gefangenen jedoch haben die Militärjuristen bislang keine Anklage erhoben, obwohl sie zum Teil schon seit Jahren in Haft sind. Lediglich gegen 20 der noch rund 245 Gefangenen sollen die Ermittlungen abgeschlossen sein.

Die ersten 20 Gefangenen waren am 11. Januar 2002 nach Guantánamo gebracht worden. In den vergangenen sieben Jahren wurden dort
insgesamt rund 800 Terrorverdächtige festgehalten, fast alle ohne Anklage und ohne Gerichtsverfahren. Zehn Gefangene sind besonders prominent:

Zurzeit überprüft ein Tribunal, ob Ramzi Binalshibh geistig genügend zurechnungsfähig ist, um sich vor Gericht selbst zu verteidigen. Binalshibh lehnt einen amerikanischen Anwalt ab. Der heute 36-Jährige Jemenit wohnte in Hamburg zusammen mit Mohammed Atta, dem Anführer der Todespiloten vom 11. September. Ihre Wohngemeinschaft betrachten Ermittler als Rekrutierungsstelle und Zentrale der Hamburger Attentäter auf das World Trade Center und das Pentagon. Binalshibh soll innerhalb der Hamburger Terrorzelle als Finanzier fungiert haben. Er überwies vermutlich Geld an die Terroristen, die als Piloten die Flugzeuge in die Gebäude lenkten.

Chalid Scheich Mohammed gilt als die frühere "Nummer drei" im Terrornetzwerk al-Qaida. Er soll die Anschläge vom 11. September 2001 geplant und mitorganisiert haben. Zu den Mitverschwörern des 11. September rechnen die Ankläger außerdem Ali Abdel Asis, Mustafa Ahmed al-Hausawi und Walid bin Attasch.

Mustafa Ahmed al-Hausawi stammt aus Saudi-Arabien. Ihm werfen die Ermittler vor, Geld für die Terrororganisation al-Qaida beschafft zu haben. Kurz nach den Anschlägen soll er Osama bin Laden und andere hochrangige Mitglieder des Netzwerkes getroffen haben.

Gefangen ohne Beweise

Chalid Scheich Mohammed soll der dritte Mann der al-Qaida gewesen sein © Janet Hamlin-Pool/Getty Images

Walid bin Attasch soll die Todespiloten unterstützt haben. Er hatte angeblich direkten Kontakt zu Atta und seinen Mitstreitern und kannte die Anschlagspläne. Amerikanische Geheimdienste werfen ihn zudem vor, den Anschlag auf das US-Kriegsschiff "USS Cole" im Oktober 2000 im Jemen geplant zu haben. Auch an den Angriffen auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania im August 1998 sei er beteiligt gewesen. Zeitweise soll er Leibwächter von Bin Laden gewesen sein.

Direkten Kontakt zu Bin Laden hatte auch Abu Subaida. Der Palästinenser soll "Militärchef" von al-Qaida gewesen sein. Amerikanische und pakistanische Fahnder nahmen ihn im März 2002 in Pakistan fest. Abu Subaida unterhielt Kontakte zu jordanischen und palästinensischen Terror-Gruppen und baute das Terror-Netzwerk in diesen Regionen aus. Der amerikanische Auslandsgeheimdienst CIA räumte ein, dass der heute 37-Jährige in Verhören mehrfach dem so genannten "Waterboarding" ausgesetzt wurde. Dabei taten die CIA-Agenten so, als wollten sie den Palästinenser ertränken, wenn er seine Taten nicht zugebe. Wegen dieser und weiterer menschenrechtsverletzender Verhörmethoden steht die frühere Bush-Regierung seit Langem in der Kritik.

Hambali wird von den Ermittlern vorgeworfen, Südostasien-Chef der al-Qaida und Operationschef der radikal-islamischen Gruppe Jemaah Islamiyah gewesen zu sein. Als Drahtzieher könnte er an den Bombenanschlägen auf Bali 2002 und auf ein Luxushotel in Jakarta 2003 schuldig sein. Der heute 44-jährige Indonesier, der auch Encep Nurhaman oder Riduan bin Isamabudian genannt wird, wurde im August 2003 in Thailand festgenommen.

Aus Guantánamo entlassen wurden bislang unter anderem der Australier David Hicks, der sogenannte "Bremer Taliban" Murat Kurnatz und Salim Ahmed Hamdan, früherer Fahrer von Bin Laden. Die drei Männer leben in Australien, Deutschland und dem Jemen mittlerweile wieder in Freiheit.

Weitere 50 bis 60 Guantánamo-Gefangene könnten demnächst freikommen, wenn die US-Regierung Länder findet, die bereit sind die Männer aufzunehmen. Amnesty International hat die Staaten der Europäischen Union aufgefordert, diesen Häftlingen Zuflucht zu gewähren, da ihnen in ihren Heimatländern Syrien, China, Libyen, Usbekistan oder Tunesien eine erneute Inhaftierung mit Folter droht.