Medizinstudent Jens* fährt mit einem heißen Ohr durch die kalte Nacht. Gerade hat er eine Stunde lang mit einer Studentin telefoniert, über die er viel erfahren hat, obwohl er nicht einmal ihren Namen kennt. Jens weiß von dem Stress mit ihrer Fernbeziehung, den Zweifeln daran, ob sie das richtige Studienfach gewählt hat, und von ihrer Prüfungsangst. Wie sie sich letztendlich entscheiden wird, ob sie ihr Studium abbrechen oder bis zur nächsten Klausur die Zähne zusammenbeißen wird, wird er vermutlich nie erfahren. Denn Jens arbeitet bei der Nightline Münster, einem Zuhörtelefon von Studenten für Studenten, bei dem die Anruferin sich ihren Frust einfach einmal von der Seele reden wollte.

Der Umzug in eine fremde Stadt, Leistungsdruck an der Uni und Zukunftsangst gehen nicht an allen Studenten spurlos vorbei. Die Universitäten bieten daher verschiedene Anlaufstellen für diejenigen an, die nicht mehr alleine zurechtkommen. Aber der Gang zu den Psychologen der Zentralen Studienberatung oder zur Psychotherapie-Ambulanz kostet Überwindung. Kaum ein Student gesteht sich gerne ein, dass er Hilfe braucht. Stattdessen schlucken manche ihren Frust hinunter. Einige so lange, bis er sie krank macht. Das wollen die Nightliner verhindern.

40 ehrenamtliche Mitarbeiter der Nightline Münster bieten Anrufern die Möglichkeit, in den Abendstunden anonym und vertraulich all das loszuwerden, was ihnen den Schlaf raubt. Studenten aller Fachrichtungen haben den mildtätigen Verein im Wintersemester 2007 gegründet. Die Idee haben sie aus Heidelberg und Freiburg übernommen, wo es schon seit mehreren Jahren studentische Sorgentelefone gibt. Alle Mitarbeiter sind auf ihre Anonymität bedacht, um die Hemmschwelle für Anrufer möglichst gering zu halten.

Aktives Zuhören ist das Prinzip der Nightlines. "Viele Anrufer haben nicht nur eine einzelne Last auf dem Herzen, sondern das Gefühl, in ein ganzes Netz von Problemen verstrickt zu sein", berichtet die Münsteraner Nightlinerin Karen*. "Oft ist ihnen schon damit geholfen, wenn man sich Zeit für sie nimmt und sie durch das Formulieren ihrer Probleme am Telefon ein bisschen Ordnung in ihr gedankliches Chaos bringen."

Die dafür notwendigen Gesprächstechniken lernen die Mitarbeiter bei Schulungswochenenden. Psychologen vermitteln ihnen, wie man unvoreingenommen mit einem Anrufer spricht und schwierige Gesprächssituationen aushält. Mehr können und wollen die Nightliner nicht anbieten. Sie legen Wert darauf, dass es bei ihnen keine Beratung oder Therapie gibt, die sie als geschulte Laien auch gar nicht leisten können.

Peter Schott, Leiter der Zentralen Studierendenberatung der Universität Münster, erklärt, dass die Studienzeit einen sehr krisenanfälligen Lebensabschnitt darstellt. "Das Studium verlangt ein hohes Maß an Selbstorganisation. Wenn aus einer Kette ungünstiger Situationen eine Krise entsteht, kann die Studierfähigkeit darunter leiden." Deshalb findet Schott es wichtig, dass Studenten bei der Nightline auch schon mit kleineren Problemen anrufen können, bei denen der Gang zum Therapeuten vielleicht übertrieben erscheint.

Der Diplompsychologe unterstützt die Nightliner als Supervisor. Regelmäßig treffen sich die Studenten mit ihm oder seinen Kollegen, um an ihrer Gesprächsführung zu feilen und Schwierigkeiten aus vergangenen Gesprächen aufzuarbeiten. Manche Anrufe können den Nightlinern selbst auch schlaflose Nächte bereiten, schließlich sind sie keine Profis. Komplizierte Fälle vermitteln sie auf Wunsch an die professionellen Beratungseinrichtungen weiter.