Den Satz "Es könnte Ihnen ja auch mal was passieren" hätten sich die Polizisten sparen können, schimpft Wang Xiaoshan und beißt kräftig in eine Gabel voll Pasta. Journalist Wang berät sich in einem italienischen Restaurant im Nordwesten Pekings mit drei anderen Unterzeichnern des politischen Manifests "Charta 08".

Kurz nach dem Erscheinen dieser Charta, am 2. Dezember vergangenen Jahres, hatten die chinesischen Behörden einen der prominentesten Unterzeichner, den 53-jährigen Publizisten Liu Xiaobo, festgenommen. Wang war wie viele der 303 Erstunterzeichner von den Behörden zum Gespräch geladen worden. Die Beamten stellten allen die gleichen Fragen. Wann, wie und warum sie das Dokument unterzeichnet hätten, welche Person oder Organisation dahinter stehe und was die Anspielung auf die Charta 77 aus dem Kreis des damaligen tschechoslowakischen Dissidenten um Vaclav Havel solle.

Chinas Führung ist nervös. Das Land müsse sich auf steigende Arbeitslosigkeit und wachsende soziale Unruhen einstellen, so schrieb die chinesische Regierung in ihrem Jahresausblick erstaunlich offen. Zudem ist das Jahr 2009 voll brisanter Jubiläen.

Am 4. Mai vor 90 Jahren zogen Intellektuelle gegen die "rückständige" konfuzianisch geprägte Staatsorthodoxie durch die Straßen. Sie forderten von der Regierung, mithilfe von "Wissenschaft" und "Demokratie" eine Modernisierung und damit die Stärkung des Landes einzuleiten.

In diesem Geist rief Mao Tse-tung vor 60 Jahren am 1. Oktober die Volksrepublik China aus. Vor 20 Jahren, am 4. Juni, bereitete Peking der städtischen Protestbewegung für Freiheit und Demokratie auf dem Tiananmen-Platz ein blutiges Ende. Beschwört das Gemisch aus wirtschaftlicher Krise, sozialer Unfrieden und politischer Spannung 2009 erneut eine größere Protestbewegung herauf?

Mehr als 8000 Bürger sollen nach Angaben der Unterschriften-Verwalter die Charta per Mail-Zusendung mit ihrem Namen unterstützt haben. Chinas Führung beunruhigt aber weniger deren Zahl, das Land hat 1,3 Milliarden Einwohner, als vielmehr ihre Zusammensetzung. Zwar haben einige Arbeiter- und Bauernvertreter die Charta unterschrieben, eine Allianz zwischen Intellektuellen und wütenden Massen muss Peking deswegen aber nicht fürchten. Neu für die Regierung ist vielmehr, dass sich innerhalb des Bürgertums nicht nur politische Dissidenten, sondern auch bis dato loyale Staatsbürger hinter die Charta gestellt haben.