Es war vergangenen Herbst, und Wolfgang Lachmann traute seinen Augen kaum: Der 82-Jährige las einen Artikel im Internet,  in dem es um Bücher ging, die während der NS-Zeit aus Haushalten vertriebener und ermordeter Juden konfisziert wurden. Plötzlich sah er die Widmung eines Buchs: "Dem lieben Wolfgang Lachmann in Freundschaft gewidmet, Chanuka 5698, Dezember 1937. Heinrich Kaul".

Die Widmung steht in Für unsere Jugend. Ein Unterhaltungsbuch für israelitische Knaben und Mädchen. Detlef Bockenkamm, ein Mitarbeiter in den historischen Sammlungen der Berliner Stadtbibliothek, hatte es unter den 3,3 Millionen Medien der Zentral- und Landesbibliothek gefunden, zu der auch die Berliner Stadtbibliothek gehört. Bis zum 28. Februar ist es noch im Eingang in einer kleinen Ausstellung zu sehen.

Dass Wolfgang Lachmann, der mehrere Konzentrationslager überlebt hat und 1946 in die USA ausgewandert war, von der Widmung las, ist ein großer Glücksfall. Denn bisher sind die Bestände der Stadtbibliothek weder vollständig nach geraubten Büchern durchgesehen worden, noch sind alle Titel der bisher entdeckten Bücher in einer gut zugänglichen Datenbank einsehbar. Die Bundesrepublik hat sich zwar mit der Washingtoner Erklärung von 1998 zur Rückgabe allen Besitzes verpflichtet, der während des Nationalsozialismus von Juden und anderen Verfolgten des Regimes konfisziert wurde. Aber es gibt kein Gesetz, das die staatlichen Einrichtungen dazu verpflichtet.

Damit steht zunächst auch kein Geld zur Verfügung, die aufwendige Recherche und Dokumentation zu bezahlen. Nebenher aber, sagt Detlef Bockenkamm, ließe sich die Arbeit von den Bibliotheksmitarbeitern nicht leisten. Denn allein das Auffinden von geraubten Büchern, die sich noch in großer Zahl in vielen deutschen Bibliotheken befinden, ist eine aufwendige Detektivarbeit. In der Berliner Stadtbibliothek war seit Langem bekannt, dass sich große Mengen an Büchern aus jüdischem Besitz in ihren Regalen befinden. Aber alle diese Bücher stehen im allgemeinen Bestand oder noch völlig unerfasst im Depot der Bibliothek. Wie sollten sie dort – außer zufällig – gefunden werden?

Einen ersten Hinweis gab eine Quittung über 45.000 Reichsmark von 1943. Die Stadtbibliothek hatte damit 45.000 Bücher von der städtischen Pfandleihanstalt gekauft, die aus Wohnungen deportierter Juden stammten. In einem Briefwechsel zwischen der Pfandleihanstalt, dem Stadtkämmerer und der Bibliotheksführung, der in der Ausstellung zu sehen ist, wird zunächst um den Preis gefeilscht. Die Stadt argumentiert, dass sie die Bücher nicht unentgeltlich abgeben könne. Es sei gesetzlich festgelegt, dass der Verkaufserlös "allen mit der Lösung der Judenfrage in Zusammenhang stehenden Zwecke" dienen soll. Das heißt also, dass sich auch die Berliner Stadtbibliothek mit dem Erwerb der Bücher unmittelbar an der Finanzierung des Holocaust beteiligt hat.

Aber wo ist der Eingang der einzelnen Bücher verzeichnet worden? In den sogenannten "Zugangsbüchern", in denen jeder erworbene Band mit Titel und Zugangsnummer aufgenommen wird, ließ sich zunächst nichts finden. Ein Zugangsbuch "Jagor 1944-1945", benannt nach einem deutschen Ethnologen Fedor Jagor, der der Bibliothek eine Stiftung hinterlassen hat, erschien zunächst unverdächtigt. Dann aber entdeckte Bockenkamm, dass jemand nachträglich aus dem "J" ein "Jagor" gemacht hatte.