Vor einigen Wochen sprach mich eine alte Frau im Bus auf dem Weg von Eilat, im äußersten Süden Israels, nach Jerusalem an. Während der Bus am Toten Meer entlangfuhr, stupste sie mich an und deutete aus dem Fenster. "Ich frage mich, was Sie als junger Israeli von dem Wasserproblem in der Region halten." Ich sagte, dass es mir leidtue, aber ich sei kein Israeli. "Aber Sie sind Jude?", wollte die Frau wissen. "Auch das nicht", gab ich zurück. "Ich komme aus Deutschland und bin wohl am ehesten Christ, aber nicht besonders religiös." Obwohl sie eine Sonnenbrille trug, konnte ich spüren, wie sie mich musterte. Eine Pause entstand. Dann sagte sie. "Wissen Sie, Sie sind so jung, Sie können nichts dafür."

Die Frau stellte sich als Dena Blatt vor, Ehefrau von Thomas Blatt, einem der 47 Überlebenden des Aufstands im Vernichtungslager Sobibór. Gemeinsam mit ihrem Mann hatte sie 1984 den Kommandanten des jüdischen Arbeitskommandos von Sobibór, Karl Frenzel, für den Stern interviewt. Jenen SS-Mann, der Thomas Blatts Eltern und seinen Bruder in den Tod schickte. Jenen Frenzel, von dem ein anderer Überlebender sagte: "Er war eine Bestie. Wenn ihm irgendetwas nicht passte, zückte er die Waffe und schoss." Eine deutsche Bestie von vielen.

Frau Blatt hat recht: Ich bin zu jung, um etwas dafür zu können. Aber die Scham, die ich im Bus auf dem Weg durch die judäischen Berge empfand, milderte das nicht. Es ist die Scham, die der Fassungslosigkeit entspringt, von der Saul Friedländer schrieb: "Mit Fassungslosigkeit ist etwas gemeint, das aus der Tiefe der eigenen unmittelbaren Weltwahrnehmung aufsteigt, der Wahrnehmung dessen, was normal ist und was ‚unglaublich’ bleibt."

Ein paar Tage später stand ich vor dem Teddy-Kollek-Stadion in Jerusalem. Es ging um eine Recherche über israelische Fußball-Fans. Ich hatte mich mit den Ultras, den hart gesottensten Anhängern von Hapoel Tel Aviv verabredet. Ihre Mannschaft trat zum Auswärtsspiel an. Stiernackige junge Männer, die ihre Bierdosen in wenigen Zügen leerten. Als einer mitbekam, dass ein Deutscher sie interviewte, grinste er breit und fing an, Holocaust-Witze zu erzählen. Nach jeder Pointe war das Gelächter groß. Ich war peinlich berührt, wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Den antisemitischen Brüller hätte ich parieren können, aber hier erzählten junge Israelis einem jungen Deutschen selbstironische Witze über Juden, Witze über den Holocaust. Einer schlug mir lachend auf die Schulter. Ich bekam ein Bier gereicht. Am Ende lachte ich mit. Wo war die Scham geblieben? Wo die Fassungslosigkeit?

Als ich im September nach Israel kam, wusste ich nicht, wie ich mit dem Thema Holocaust umgehen sollte. Wie würden mir die Menschen begegnen, wenn sie hörten, dass ich aus Deutschland komme? In den ersten Wochen vermied ich es, in der Öffentlichkeit Deutsch zu sprechen. Wenn es doch sein musste, senkte ich die Stimme. Ich wollte nicht erkannt werden, als Nachfahre der Täter. In beinahe jedem Gespräch, das ich mit Gleichaltrigen führte, kam die Sprache irgendwann auf die Vergangenheit. Ich erklärte mich. Sagte, dass ich als Jugendlicher an jeder Demonstration gegen Nazis teilgenommen hatte, die ich erreichen konnte. Betonte, dass ich in Dachau war, in Auschwitz und in Belzec. Erzählte, dass ich meine Diplomarbeit über die Vernichtungspolitik im Nationalsozialismus geschrieben und dass ich mit mehr als nur ein paar Überlebenden gesprochen hatte.

Ich wollte den Vorwurf entkräften, bevor er gemacht würde. Aber der Vorwurf, den ich fürchtete und den ich doch irgendwie als befreiend empfunden hätte, kam nicht. Nicht ein einziges Mal.