Begrabene Friedenshoffnung in Israel

Als am Freitagnachmittag in Jerusalem die Sonne untergeht und die Stadt in ein warmes Orange taucht, gibt es einen Moment, in dem der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern sehr weit entfernt wirkt. Es bleibt ein kurzer Moment.

Eine Gruppe israelischer Soldaten schlendert Richtung Altstadt. 40 junge Männer in dunklem Khaki, die Sturmgewehre lässig geschultert. Sie wollen zur Klagemauer. Aus Gaza kommen sie, sagt einer. Es ist eine Einheit von Reservisten. Bevor sie wieder ins Zivilleben entlassen werden, wollen sie noch gemeinsam beten und Gott dafür danken, dass keiner von ihnen beim Kampf gegen Hamas gefallen ist oder verletzt wurde. Den Stahlhelm haben sie bereits gegen die Kippa getauscht.

Ob Israel den Krieg gewonnen hat? "Natürlich!", empört sich einer. Ob es jetzt Frieden mit den Palästinensern geben wird? Die Antwort ist ein trockenes Lachen. "Wir hätten die Hamas zerstören sollen. So haben wir uns bloß etwas Zeit erkauft, bis es in die nächste Runde geht", sagt der junge Soldat, bevor er wieder aufschließt zu seinen Kameraden auf ihrem Weg in den ersten friedlichen Schabbat seit Wochen.

Dass man mehr hätte erreichen können, nachdem man schon auf der Siegerstraße war, meinen viele Israelis. Ein Fernsehsender veröffentlichte am Sonntag eine Umfrage, der zufolge 41 Prozent der Israelis den Gaza-Krieg als Misserfolg ansehen. Weil die Armee die Hamas nicht zerstört und weil sie den Soldaten Gilad Shalit, den Hamas seit zwei Jahren als Geisel hält, nicht befreit habe. Nur jeder Zehnte nannte als Grund die vielen zivilen Opfer. Der Krieg ist vorbei, aber der Frieden scheint bei dieser Stimmung in weiter Ferne.

Auch bei eher linken Israelis wächst die Skepsis. Idan Simon studiert Sozialwissenschaften an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Er bezeichnet sich, was den Friedensprozess angeht, als "optimistischer als die Meisten". Aber auch er sagt: "Ich hoffe wirklich, dass wir eine Zwei-Staaten-Lösung hinbekommen, aber das wird frühestens in fünf, sechs Jahren passieren."

Begrabene Friedenshoffnung in Israel

Der 24-Jährige sitzt in seinem Appartement im Studentenwohnheim. Am Kühlschrank hängt eine Bild von Che Guevara, darunter die israelische Fahne. Idan wählt seine Worte genau. "Wenn Fatah die nächsten Wahlen in Gaza gewinnt, wenn Obama und Hillary Clinton Druck machen und wenn wir es schaffen, schmerzhafte Zugeständnisse innenpolitisch durchzusetzen, dann gibt es eine Chance auf Ruhe und damit auf Frieden." Es sind viele "Wenns" dafür, dass er optimistisch sein möchte.

Man muss nachhaken, wenn man es genauer wissen will. Was für Zugeständnisse meint er? "Ein palästinensischer Staat sollte selbstverständlich aus Gaza und dem Westjordanland bestehen. Das heißt, wir müssen die Besatzung beenden." Das gelte auch für weite Teile des von Israel annektierten Ostjerusalems. Der Tempelberg und die heiligen Stätten in der Altstadt sollten seiner Ansicht nach unter internationale Kontrolle gestellt werden.

Aber was soll mit den Siedlungen im Westjordanland passieren? "Die Siedlungen waren der größte Fehler, den wir je gemacht haben", sagt Idan. Die meisten müssten evakuiert werden. Nur für die größten Siedlungen solle man einen Gebietsaustausch anstreben. Dass er mit solchen Positionen zur Minderheit in Israel gehört, weiß er.

Seit Jahren steckt der Friedensprozess schon in der Sackgasse. Seit den Verträgen von Oslo im Jahr 1995 gab es keinen substanziellen Fortschritt mehr. Viele Israelis meinen, der ganze Prozess sei gescheitert, die einseitige Abgrenzung von den Palästinensern die einzige Lösung. Und tatsächlich sind alle Versuche, die Bemühungen um eine Zweistaaten-Lösung wieder zu beleben, bisher erfolglos geblieben. Statt Frieden gab es Gewalt: Die zweite Intifada, den Libanon-Krieg und nun den israelische Krieg gegen Hamas, der auf deren Raketenhagel folgte.

Denkt Idan, dass der Gaza-Krieg den Frieden erschwert hat? "Wahrscheinlich, aber ich fand die Operation grundsätzlich richtig." Und die vielen toten Zivilisten, die Zerstörungen, der Einsatz völkerrechtswidriger Phosphor-Bomben? "Ich verurteile das alles aufs Schärfste", sagt er. "Wir mussten auf die Raketen reagieren, nur leider haben wir dabei übertrieben."

Auch mit dieser Meinung gehört der Student zur Minderheit im Land. Laut einer Umfrage der Universität Tel Aviv aus der letzten Kriegswoche sind 82 Prozent der israelischen Bevölkerung der Ansicht, dass die Armee in Gaza "nicht zu weit gegangen" sei.

Begrabene Friedenshoffnung in Israel

Während Idan bei aller Skepsis optimistisch bleiben will, sind Adi Kaslasy (21) und Deena Goldstein (24) "realistisch", zumindest behaupten sie das. "Frieden? Auch in zehn Jahren wird es hier keinen Frieden geben", sagt die Studentin Adi. Sie kommt aus Sderot, jener Kleinstadt an der Grenze zum Gaza-Streifen, die seit Jahren unter den Raketen der Hamas leidet. Ihre Freundin Deena wohnt mir ihren Eltern in Ma’aale Adumim, der größten israelischen Siedlung im Westjordanland, östlich von Jerusalem. "Für Frieden bräuchten wir einen radikalen Wandel in den Köpfen und das sehe ich einfach nicht", sagt sie.

Die beiden sind der Ansicht, dass nur ein langer Weg zum Frieden führen kann, wenn überhaupt. "Bis dahin wäre es das Beste, wenn wir uns einig würden, dass wir uns nicht einig sind", sagt Adi. Vor allem aber glauben sie, dass die Palästinenser eine Bringschuld hätten. Der Terror müsse endlich aufhören, erst dann könne man über wirkliche Lösungen verhandeln.

Es ist die Meinung zweier junger Frauen, die an den Bruchlinien des Konflikts leben. Dort, wo jeden Tag greifbar ist, wie schwierig eine Aussöhnung zwischen Israelis und Palästinensern tatsächlich sein wird.

"Ich kenne einen Sechsjährigen der durch die Hamas-Raketen das Augenlicht verloren hat", sagt Adi, "ich kenne einen Zehnjährigen, der schwer verletzt wurde, und ich kenne Leute, die gestorben sind." Wenn sie bei ihren Eltern in Sderot ist, hat sie nach einem Alarm nur gut zehn Sekunden Zeit, den raketensicheren Raum im Haus aufzusuchen. Deshalb verwundert es nicht, dass sie den Feldzug gegen Hamas hartnäckig als "Operation" bezeichnet und nicht als "Krieg".

Deenas Alltag ist von anderen Sorgen geprägt. Dort, wo sie mit ihren Eltern lebt, fühlt sie sich umgeben von Feinden. "Wenn wir das Westjordanland räumen und nur die großen Siedlungen behalten, dann wohne ich plötzlich direkt an der Front", sagt sie. Ob ihre Eltern dann das Haus verkaufen würden, weiß sie nicht. Auch sie meint, dass es zum Krieg gegen die Hamas keine Alternative gab, auch wenn er den Frieden in noch weitere Ferne gerückt hat. "Wir haben kurzfristig ein Problem gelöst", sagt sie, "aber langfristig werden wir dafür Hass ernten."