So schlecht wie heute stand es noch nie um die Rebellen-Organisation "Befreiungstiger der Tamil Eelam" (LTTE), die seit 30 Jahren für einen unabhängigen Staat der tamilischen Minderheit im Norden Sri Lanka kämpft. Gestern eroberten Regierungstruppen nach wochenlangen Gefechten die letzte verbliebene LTTE-Hochburg an der nordöstlichen Küste Sri Lankas, Mullaitivu. Die Gefechte haben sich nun in die Region westlich der Stadt verlagert, wo die tamilischen Rebellen nur noch einige Dörfer kontrollieren.

Annähernd 300.000 Zivilisten sind auf der Flucht und zwischen die Fronten geraten: Die designierte Sicherheitszone für Zivilisten liegt nur wenige Kilometer entfernt. Nach UN-Angaben liegt auch sie unter Artillerie-Beschuss. Mehr als die Hälfte der Flüchtlinge hält sich dort auf. 

Nach der Eroberung Mullaitivus erklärten Armeeangehörige den Krieg für fast beendet, doch der politische Führer der LTTE, Balasingham Nadesan, sagte zur BBC , man werde die Waffen nicht niederlegen, bis "die Freiheit und Würde der Tamilen garantiert" seien. Auch kontrolliere die LTTE noch ein Territorium von 600 Quadratkilometern, doppelt so viel wie von der Armee gemeldet. John Drake, Sicherheitsberater der AKE Group in London, sagte, die LTTE sei als militärische Kraft zerstört, aber nicht als terroristische Organisation. Die Kämpfer würden sich nun im Untergrund reorganisieren. Die Rebellen verfügen über zahlreiche geheime Lager in den Urwäldern Sri Lankas und gelten als geübte Guerilla-Kämpfer.

Die Armee sei auf den zu erwartenden Kleinkrieg im Urwald gut vorbereitet, sagte Armeesprecher Udaya Nanayakkara. Es habe bereits zahlreiche Kämpfe im Urwald mit der LTTE gegeben, und in allen hätte man die Rebellen in die Flucht geschlagen. Doch ein schneller Sieg wird nicht erwartet: General Sarath Fonseka sagte, er rechne mit einem Ende der Kämpfe erst Mitte April.

Unabhängigen Beobachtern ist es verboten, das großflächig abgeriegelte Kampfgebiet zu betreten. Journalisten, die von Militärs durch Mullaitivu geführt wurden, berichteten von einer entvölkerten Stadt. Außer Soldaten seien nur Hunde und Kühe auf den Straßen. Die Gebäude wiesen Spuren von kleinkalibriger Munition auf, aber keine Schäden durch Artilleriebeschuss. Die Armee konnte keine schweren Waffen der Rebellen vorzeigen, was auf einen geordneten Rückzug der LTTE-Kämpfer hindeutet.

Vor allem in den ersten Wochen der Belagerung Mullaitivus hätten die Regierungstruppen hohe Verluste erlitten, sagte Kolonel Aruna Arusinghe. Zunächst habe man versucht, direkt die gut befestigte Stadt anzugreifen. Es habe Wochen gedauert, um den ersten Verteidigungsring der Stadt zu durchbrechen. Erst dann habe man die Taktik gewechselt und die Befestigungen eingekreist und vom Rückschub abgeschnitten. Welches Ausmaß die Kämpfe im Stadtzentrum hatten, ist weiterhin unklar. Regierungsvertreter sprachen von 20 getöteten LTTE-Kämpfern.

Ein Vertreter der örtlichen Gesundheitsbehörden sagte, in der Region um Mullaitivu seien 170 Zivilisten getötet und 720 in Krankenhäuser eingeliefert worden. Lokale Verwaltungsangestellte sprachen von mindestens 100 getöteten Zivilisten in der letzten Woche. Die Armee wies Berichte über hohe zivile Verluste zurück.