Keine Frage: Das "atomare Endlager" ist in der Schweiz ein Zankapfel. Doch Walter Steinmann war dann doch überrascht. Mehr als 20.000 Einwände erhielt der Direktor des Schweizer Bundesamts für Energie, als er im vergangenen November bekannt gab, dass ein möglicher Standort im Zürcher Weinland liegen könnte. 4000 Schweizer meldeten sich zu Wort – und mehr als 10.000 Deutsche. Die leben direkt gegenüber des Standorts, auf der anderen Seite des Rheins.

Die Schweiz hat sich auf die Suche nach einem Endlager begeben. Sechs Gemeinden bekamen im November Post von der Regierung, dass sie als möglicher Standort infrage kämen. Während jetzt ein transparentes Verfahren zur Standortauswahl begonnen hat, ist die Situation in Deutschland verfahren: Im niedersächsischen Gorleben, dem bislang einzigen diskutierten Endlagerstandort für hochradioaktives Material, wurden die Erkundungen des Salzstocks bis zum nächsten Jahr ausgesetzt. Bis 2030 will der Bund aber ein betriebsbereites Endlager schaffen. Dauert die Auswahl ähnlich lang wie in der Schweiz - mindestens zwölf Jahre - wird es Zeit, mit der Auswahl zu beginnen.

Im Schweizer Felslabor Mont Terri, 300 Meter unter der Erde, testen auch deutsche Forscher das Gestein auf seine Sicherheit. Es ist seit 1996 in Betrieb © Marlies Uken

Während in Deutschland noch immer über das optimale "Wirtsgestein" (dem Gestein, in dem die Abfälle eingelagert werden) diskutiert wird, hat sich die Schweiz bereits entschieden. Die Regierung setzt auf "Opalinuston" als natürliche Barriere. Deutschland forscht dagegen in Salzstöcken. "Opalinuston quillt auf, wenn er mit Wasser in Kontakt kommt", erklärt Paul Bossart, Direktor des Schweizer Felslabors Mont Terri, "so schließen sich Risse von selbst." Von Selbstabdichtung, manchmal sogar von Selbstheilung, sprechen die Fachleute.

Seit Jahren forscht Bossart mit Strahlenexperten aus acht Ländern, auch aus Deutschland, im Mont Terri, einem etwa 300 Meter langen Paralleltunnel zum Autobahntunnel der A 16 im Jura. Hier gibt es eine dicke Schicht Opalinuston, die sie bis aufs Mark testen: Wie diffundieren Radionukleide durch das Material, wie dringt Wasser ein, wie zerspringt der Ton beim Tunnelbohren? Opalinuston habe sich für die Schweiz als bestes Wirtsgestein herausgestellt, sagt Bossart. Dass die Gemeinden, die nun im engeren Auswahlkreis seien, allesamt in der Nähe zu Deutschland liegen, sei reiner Zufall und läge nur an der dortigen Existenz der Opalinusschichten, beteuert er. "Die Schweiz ist ein kleines Land – wir sind überall grenznah."

In drei Etappen will sich die Regierung endgültig für einen Standort entscheiden. Offiziell sucht sie nach einem "geologischen Tiefenlager" und nicht einem Endlager: Die strahlenden Behälter sollen so versenkt werden, dass man sie wieder zurückholen kann. "Das radioaktive Material, das Kupfer, der Stahl: Das sind Werte, die vergraben werden und vielleicht eines Tages, bei einer neuen Reaktorgeneration, wieder einsetzbar sind", sagt Marcos Buser, Mitglied der kantonalen Überwachungskommission von Mont Terri.

Zurzeit, also in der ersten Stufe, tourt die Regierung durch die betroffenen Regionen, um über ihre Endlagerpläne zu informieren. Auch in Deutschland organisiert sie Veranstaltungen und beteiligt die deutschen Gemeinden an dem Auswahlverfahren, zumindest beratend. Der lokale Widerstand ist nicht gering, es gab Demonstrationen, von "Empörung" und "Schwarzer-Peter-Spiel" ist in der Lokalpresse die Rede. Aktuell überprüft eine Fachbehörde, ob sich das Material tatsächlich an den Standorten eignet. Im Moment dreht sich alles nur um geologische Fragen – schon hier kann sich zeigen, dass sich einige Standorte nicht eignen.