Berlin sei arm, aber sexy: Als der regierende Bürgermeister der Hauptstadt diese unsägliche Floskel beschwor, ging sie gleich in den allgemeinen Sprachgebrauch über. Die zugezogenen Berliner an ihren Laptops im Café fühlten sich geschmeichelt – schließlich leuchtete da kurz etwas Sinnstiftendes auf. Entnervt reagierten die Mittelständler im Westen – uncool sein und dann auch noch verhöhnt werden vom Emporkömmling an der Spree!

Nun galt Berlin schon immer als dekadent und queer, hässlich, aber hip. Und immer wieder zog die Stadt schillernde Gestalten aus aller Welt an. Über eine von ihnen ist nun ein Buch erschienen.

In Helden – David Bowie und Berlin skizziert der FAZ-Redakteur Tobias Rüther mit breiten, schnellen Strichen, wie es zur Liaison zwischen dem Popstar und der Nachkriegsstadt kam. Eine Liebe auf Zeit, in der Bowie, vom Drogenexzess und Tourstress ausgebrannt, eine Art Selbstfindungsphase durchlaufen haben soll – begleitet wurde er dabei von Iggy Pop.

Nachdem er mit seinem Alter Ego Ziggy Stardust den Glamrock gefeiert hatte, sei Bowie in Berlin in "proletarischem Leder" und in symbiotischer Beziehung zur Stadt zu sich selbst gekommen. So entstand das sogenannte Berliner Triptychon mit den Alben Low, Lodger und dem Kernwerk und Höhepunkt Heroes (1977).

Unermüdlich sucht Rüther nach Verbindungen zwischen der Kunstfigur Bowie, die offenbar sogar die Authentizität schauspielert, und der Stadt, ihren Strukturen und historischen Spuren. Er setzt den Musiker in Beziehung mit einer intellektuellen Tradition, die im beständigen Werden, im Widerstand gegen Macht und Konventionen ihre Selbstbehauptung genießt.

Rüther erzählt, wie David Bowie von bildender Kunst, auch von zeitgenössischen Werkschauen wie Tendenzen der Zwanziger Jahre – 15. Europäische Kunstausstellung Berlin 1977 berührt wurde. Im Vorwort zum Ausstellungskatalog steht, "daß die Wirklichkeit, die bis (in die zwanziger Jahre) im Kunstwerk aufschien, ebenso fragwürdig geworden war, wie die, in der man lebte". Da nämlich "die Künstler (…) dieses Leben durch ihre Arbeit neu gestalten – (…) Kunst und Leben miteinander verbinden wollten".  Was beschriebe den immerzu werdenden, sich wandelnden Bowie besser?

Rüther betont Bowies Affinität zum Berlin der Zwanziger, sowie sein verworrenes Kokettieren mit der totalitären Ästhetik des Nationalsozialismus. Bowie als Katalysator der Tendenzen des Zeitalters. Bowie als Oberflächenprojektion. Bowie als postmoderner Dr. Caligari, der durch Pop die Grenzen zwischen Epochen und Genres, Gender, Wahrheit und Traum aufhebt.