Im vergangenen März brach im beschaulichen Tutzing am Starnberger See in Oberbayern eine neue Zeit an. Nach 62 Jahren verlor die CSU in einer denkwürdigen Kommunalwahl ihre absolute Mehrheit im Gemeinderat. Schlimmer noch: Auch der Bürgermeisterposten ging der bislang allmächtigen Staatspartei verloren. Als neuer Chef zog der parteilose ehemalige Richter und Rechtsanwalt Stephan Wanner (52) ins Rathaus.

Gleich mit seiner ersten Amtshandlung dokumentierte Wanner, dass sich der Wind in der bayerischen Provinz gedreht hatte. Er ließ die Öl-Porträts der bekannten Pianistin Elly Ney und des Cellisten Ludwig Hoelscher aus dem Veranstaltungssaal des Rathauses entfernen.

Ney, die in den zwanziger und dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts den Höhepunkt ihrer Karriere erlebte, sei eine glühende Hitler-Anhängerin, Antidemokratin und überzeugte Antisemitin gewesen. Sie tauge nicht zum Vorbild und habe im politischen Zentrum Tutzings nichts zu suchen. Auch Hoelscher, der oft zusammen mit Ney konzertiert hatte, fiel der Säuberungsaktion des neuen Bürgermeisters anheim.

Seit die Bilder im Depot des Rathauses liegen, herrscht Aufruhr in dem kleinen Ort, der überregional bekannt ist für die Politische Akademie und die Evangelische Akademie im alten Tutzinger Schloss, wo regelmäßig kluge Menschen über kluge Themen streiten und alljährlich ein Toleranzpreis verliehen wird.

"Unsere Nerven liegen blank", sagt Wanner. Es geht wieder einmal um die Frage: Darf man einer Künstlerin ein ehrendes Andenken wahren, die ihre Kunst offenbar ohne Bedenken in den Dienst eines Terrorregimes stellte?

Tutzing, das außer seiner bevorzugten geografischen Lage wenig zu bieten hat, identifiziert sich stark mit der umstrittenen Pianistin und Beethoven-Interpretin von Hitlers Gnaden. Die gebürtige Düsseldorferin lebte seit 1929 in Tutzing, wo sie 1968 starb. Die Gemeinde hat ihr ein Ehrengrab eingerichtet, auf der Brahmspromenade am Seeufer steht eine Bronzebüste der Pianistin. Seit 1952 ist Ney Ehrenbürgerin von Tutzing.

Eindeutig zuviel der Ehre für eine Nationalsozialistin und Antisemitin, findet Wanner. Wie Hitlers Leib-Regisseurin Leni Riefenstahl, der Ney im Alter verblüffend ähnlich sah, hatte sie sich nach der Nazi-Katastrophe niemals glaubwürdig von der braunen Ideologie distanziert.