Mladen Petric steht noch lange nach dem Abpfiff neben dem Spielfeld und gibt Interviews: "Das war mein bester Tag in Hamburg, so eine Stimmung wie heute gab es nicht einmal in Dortmund." Dieser Vergleich heißt etwas in der Branche, er erfüllt auch die heimischen Journalisten mit Stolz, die Petric zuhören. Hinter ihm liegt der perfekte Rückrundenbeginn, hinter ihm liegt der Sprung an die Tabellenspitze, hinter ihm liegt ein hinreißend spannendes Spiel, in dem er vor ausverkauftem Haus (57.000) zum Hauptdarsteller wurde: Er schoss das einzige Tor.

In der 44. Minute konnte Münchens Torwart Michael Rensing einen Weitschuss David Jarolims nur in die Strafraummitte, aber immerhin nach oben abwehren. Petric hob den steigenden Ball geistesgegenwärtig per Kopf über Rensing hinweg. Ein anspruchsvoller Treffer, denn er konnte den Ball nur durch einen sehr hohen Seitwärtssprung erreichen und ihn nur durch extreme Bogenspannung im Oberkörper so viel Fahrt mitgeben, um ihn ins gut zehn Meter entfernte Ziel zu schicken. Dass Petric ein perfektes Kopfball-Timing hat, bewies er oft im Hamburger Strafraum, den er bei Freistößen und Eckbällen des Gegners bewachen muss. Einige Male konnte er die Hereingaben Bastian Schweinsteigers entschärfen. Er spielte wie eine Abwehrstürmer. Das macht ihn besonders wertvoll.

Doch wer konnte zu dieser Zeit damit rechnen, dass kein Tor mehr fallen würde? Und wer kann es im Nachhinein erklären? Schließlich ließen beide Teams nach sechs Wochen Winterpause keinen Zweifel an ihrem Tatendrang. Die Hamburger begannen mutig und stark, sie wollten beweisen, dass Hamburg nicht Stuttgart ist, das die Bayern vor drei Tagen zerfleddert hatten (5:1).

Bereits zu Beginn näherten sich beide Mannschaften den Toren des Gegners gefährlich. Bastian Schweinsteiger löffelte eine Flanke Christian Lells über das Tor (3.), wofür er sich nachher von Trainer Jürgen Klinsmann rüffeln lassen musste. In der 6. Minute landete ein Versuch Piotr Trochowskis am Pfosten. Der HSV setzte die Bayern-Abwehr unter großen Druck.

Strafraumszenen gab es für drei Spiele, dem Feld durfte man keinen Augenblick den Rücken zudrehen –  abgesehen von einer Phase Mitte der ersten Halbzeit, als die Bayern das Hamburger Tempo aus dem Spiel nahmen und Schiedsrichter Knut Kircher viel zu oft ein Foul erkannte. Am folgenschwersten, als er vor Luca Tonis Tor (29.) einen Regelverstoß gesehen haben wollte. Als einziger im Stadion neben seinem Assistenten. Selbst in der kurzen Phase zwischen Tor und Halbzeitpfiff, als Fans und Stadionsprecher noch skandierten, schossen die Bayern zwei Mal aufs Tor.

In der zweiten Halbzeit flogen die Hamburger Schutzengel Überstunden. So viele gute Chancen für die Bayern! Miroslav Kloses Kopfball (55.) sahen einige hinter der Torlinie; sein abgefälschter Schuss fiel knapp vorbei (66.); Toni nickte einen leichten Ball, eigentlich ein sicheres Tor, aus kurzer Distanz daneben (69.); einen Kullerer des eingewechselten Tim Borowski schaute Tormann Frank Rost um Zentimeter am Pfosten vorbei (80.); und als Klose zwar Rost überwand, aber Jérome Boateng auf der Linie im Weg stand (83.), war klar: Das HSV-Tor ist an diesem Abend versiegelt.

Auch die Nachspielzeit, in der man gegen Bayern in Hamburg seit 2001 die Luft anhält, verstrich. Fast hätte sich noch Rensing bei einem Eckball die Gelegenheit geboten, den Ausgleich zu erzielen. Aber irgendetwas und irgendwer verhinderten es im letzten Moment irgendwie.

Auch die Hamburger stürmten ständig, auch ohne den gesperrten Ivica Olic: Petric gelang fast eine Kopie des Morlock-Tors von Bern 1954. Sein Schuss flog jedoch gegen den Pfosten (46.), Piotr Trochowski und Paolo Guerrero testeten Rensing wie im Trainingsspiel – so oft und aus so ungünstigen Positionen schossen sie aufs Bayern-Tor.

Nach dem Spiel bewahren die Bayern Größe und machen die unerwartete Niederlage nicht am Schiedsrichter fest. Karl-Heinz Rummenigge kann nicht ausschließen, dass das Erlebnis Stuttgart manchem Spieler den Kopf verdreht hat. Jürgen Klinsmann, der sich dieser These anschließt, ärgert sich über Unkonzentriertheiten in den ersten 30 Minuten. Uli Hoeneß soll zwar Schiedsrichter Kircher in der Kabine aufgesucht haben, doch es sei "nicht emotional zugegangen" (Kircher).

Der HSV kann auf eine aufregende Woche zurückschauen: Erst die Mitgliederversammlung am Sonntag, deren Wahlergebnis dem Klub Ruhe gibt. Dann der Einzug ins Pokalviertelfinale gegen 1860 München am Dienstag. Nun der Sieg gegen die Bayern, vorübergehend Platz eins und der Verdienst, allen gezeigt zu haben, wie spannend die Bundesliga sein kann.