Im Mai 1990 fand im damals sowjetischen, heute ukrainischen Lemberg ein eigentümliches Schauspiel statt. Sieben Dichter feierten bis tief in die Nacht. Dann legte man sich – stark alkoholisiert – in Betten, die auf der Lemberger Opernbühne aufgestellt worden waren, und schlief. Bis am Morgen, kurz nach acht, der Vorhang in dem mit Zuschauern gefüllten Theater aufging.

Einer von ihnen war Juri Andruchowytsch. Er erzählt davon in Geheimnis, seinem neuen Roman: "Alle sehen, wie der Schlaf der Dichter Ungeheuer geboren hat. Und diese Ungeheuer strecken sich ein bißchen und rütteln die anderen. Eines der Ungeheuer springt aus der obersten Koje eines metallenen Soldatenstockbettes, grüßt die anwesenden Herrschaften kurz mit seinem nackten Arsch und beginnt mit ausgetrocknetem Mund zu rezitieren."

Juri Andruchowytsch ist mit Andrej Kurkow der wohl bekannteste Dichter und Schriftsteller der Ukraine. In Deutschland ist er vor allem durch seine Essays und seinen Roman Zwölf Ringe bekannt geworden. Sein neuer Roman ist autobiografisch. Es besteht aus einem Gespräch mit dem fiktiven Journalisten Egon Alt, der dem Autor als Stichwortgeber dient.

Spannend und witzig erzählt, erfährt der Leser etwas über den Alltag der sechziger bis achtziger Jahre in der Sowjetunion: über die Schulzeit Andruchowytsch, der 1960 im galizischen Iwano-Frankiwsk geboren wurde, über die Studienzeit in Lemberg, den Wehrdienst bei der Roten Armee und seine Zeit als Schlussredakteur bei einer Tageszeitung. Und natürlich über die wichtigste Phase in seinem Leben, von der Perestroika bis zur Unabhängigkeit der Ukraine. Es ist, wie schon die Performance auf der Lemberger Opernbühne zeigt, ein romantisches Leben. Kunst und Leben sahen Andruchowytsch und seine Künstlerfreunde als eine Einheit. Eine Vorstellung, die eng mit der Rolle der Kunst in der Sowjetunion zusammenhing.

Im Gegensatz zu den liberalen Demokratien im Westen wurde sie vom Staat sehr viel ernster genommen – was sich darin äußerte, dass Kunst nicht nur als Propagandamittel gefördert, sondern als Ausdruck von Opposition unterdrückt wurde. Schon von Staats wegen waren Kunst und Leben deshalb eine Einheit und jedes Samisdat-Gedicht eine revolutionäre Tat. Gleichzeitig beschreibt Andruchowytsch, wie ein Autor wie Hermann Hesse ihm als "Lehrmeister des Eskapismus" zu einem der wichtigsten Schriftsteller wurde. "Ihm hatte ich, hatten wir es zu verdanken, daß unsere Flucht weit, tief und konsequent war."

Als während des Zerfalls der Sowjetunion die Repressionen nachließen, wurde "Kiew zu Atlantis", wie E.T.A. Hoffmann es ausgedrückt hätte. Was konnte das stärker beweisen als Kundgebungen mit 300.000 Menschen, die "Po-e-sie, Po-e-sie" skandierten und die damals noch verbotene ukrainische Fahne schwenkten?