Es ist eine seltsam paradoxe Situation, in der die CDU sich zu Beginn dieses Superwahljahres 2009 befindet. Schaut man nur auf die Umfragen, hätte die Partei eigentlich allen Anlass optimistisch zu sein. Der Hauptkonkurrent SPD ist weit abgeschlagen , ein schwarz-gelbes Bündnis nach der Bundestagswahl scheint möglich. Und trotzdem durchleben die Christdemokraten derzeit eine Phase der Verunsicherung wie lange nicht.

Die Finanz- und Wirtschaftskrise rüttelt an den Grundfesten konservativer Überzeugungen. Statt Haushaltskonsolidierung gibt es milliardenschwere Konjunkturprogramme. Künftige Steuersenkungen, die die CDU seit langem verspricht, erscheinen angesichts der gigantischen Verschuldung fraglich. Und statt über Privatisierung wird nun über die Verstaatlichung von Unternehmen diskutiert.

Auch der Tag, an dem rund 160 Kreisvorsitzende der Partei nach Berlin gereist sind, um sich dort von ihrer Chefin, Bundeskanzlerin Angela Merkel, auf das Wahljahr einstimmen zu lassen, steht ganz unter dem Zeichen solcher umstürzlerischer Schlagzeilen. Die Bundesregierung, immerhin CDU-geführt, wolle die Verstaatlichung von Banken erlauben , berichten die Zeitungen.

Die Fragen, die Merkels weit überwiegend männlicher Zuhörerschaft am Samstag in der Berliner Parteizentrale auf den Nägeln brennen, sind allerdings nicht in erster Linie ordnungspolitischer Natur. Ob die reine Lehre der Partei in Gefahr ist oder nicht, das spielt hier keine Rolle.

"Bis wann wird es gelingen, den Schuldenberg wieder abzubauen?", will stattdessen Wolfgang Kuhn aus Lüneburg wissen. Und reicht das alles überhaupt? Die Konjunkturpakete seien doch nur "Wadenwickel bei einem Fieberkranken", findet Heinz Lenssen aus Delmenhorst. Christian Steinkopf aus der Prignitz wiederum bedrückt, dass kleine und mittelständische Unternehmen wie zum Beispiel die Solarfirma in seinem Kreis zu wenig berücksichtigt würden, während den Großen das Geld hinterher geworfen werde.

Es sind vor allem Gerechtigkeitsfragen, die an der Basis den meisten Widerhall finden. Wie soll man schließlich dem Wahlvolk erklären, dass die Manager, die an allem Schuld sind, noch Höchst-Prämien erhalten, oder dass nun plötzlich Milliarden da sind, um Banken und Unternehmen zu retten, obwohl man jahrelang den Rentnern und kleinen Leuten erzählt hat, es müsse gespart werden?

Merkel scheint diese Stimmung vorweg geahnt zu haben. Konsequent versucht sie, ihr Krisenmanagement aus der Perspektive der Steuerzahler zu begründen. "Wir haben bestimmt nicht den Ehrgeiz, nun auch noch Banktätigkeiten auszuüben", sagt sie zum Beispiel. Bei den jetzt diskutierten Verstaatlichungsplänen gehe es vielmehr darum zu verhindern, dass am Ende die Bürger für die schlechten Produkte zahlen müssten, während die Banken schnell wieder Gewinn machten.