Der Papst ist ein Zwitterwesen: Er hat den Anspruch, das Reich Gottes auf Erden zu vertreten, und hat damit, religiös gesprochen, nach den Gesetzen des Himmels zu handeln. Zugleich ist er ganz Teil der Erde und somit mit dem Bösen konfrontiert, das diesen Gesetzen nicht oder nur scheinbar folgt.

Als "Arbeiter im Weinberg des Herrn", wie sich Benedikt XVI. unmittelbar nach seiner Wahl bezeichnete, ist es seine Aufgabe zu versöhnen, verlorene Schafe zurück in den Schoß der Kirche zu führen und die Einheit unter den Gläubigen zu garantieren. Inmitten der sündigen Welt aber wirken Kräfte, die genau dies zu verhindern suchen.

Benedikt hat, möglicherweise in einem puren Akt christlicher Nächstenliebe, die Hand ausgestreckt, um exkommunizierten, ehemaligen Katholiken den Weg zurück in die seiner Auffassung nach einzig wahre Kirche zu bahnen. Er tat dies ohne Vorbedingungen - wie göttliche Liebe keine Bedingungen kennt.

Damit allerdings hatte es sich mit der reinen Liebe. Denn die Sphäre des Heiligen traf auf die Niederungen des Irdischen. Die abtrünnigen Pius-Brüder, insbesondere deren britischer Bischof Richard Williamson, entpuppten sich als Holocaust-Leugner, als Lügner und Verleumder. Diejenigen, denen durch die Aufhebung der Exkommunikation der Weg zu den katholischen Sakramenten eröffnet wurde (die jedoch weiterhin von ihren Ämtern suspendiert bleiben), schlugen die Einladung aus und verkündeten, Mutter Kirche müsse nach ihrer Pfeife tanzen.

Der Vertreter des Göttlichen sah sich plötzlich auf der Anklagebank wieder. Der Papst mit dem lauteren Willen erschien als geistig entrückt, menschlich naiv und politisch überfordert. Nach menschlich, allzu menschlichen Maßstäben zu Recht. Selbst aus den Reihen der Kardinäle wurde der Katastrophenfall ausgerufen.