Ein verdienter Entwicklungshelfer forderte 2002 den afghanischen Ministerpräsidenten Karzai auf, nicht mehr zu reisen, sondern sich stattdessen sein Land anzuschauen. Höchst respektlos belehrte Rupert Neudeck den späteren Präsidenten über die Zustände in seinem Land und über seine Pflichten. Damals war Karzai gerade ein paar Monate im Amt, die "Staatlichkeit" des geschundenen Landes wurde vorbereitet.

Heute (SZ, 2.2.2009) giftet Neudeck wieder, und es klingt bösartig: "Ein König in Lumpen" wird da Karzai genannt und Altes, Neues, Richtiges, Falsches dem Mann übergestülpt, als sei er Obama. Was die Regierung alles hätte tun müssen, erklärt Neudeck, aber kein Wort darüber, unter welchen Bedingungen was wie tatsächlich richtig, und was falsch gelaufen ist. Die meisten Probleme sind nicht einfach hausgemacht; die Politik des Westens und anderer Interventen, Pakistan, Indien, Russlands, Irans haben auch zum langsamen Aufbau beigetragen. Karzai hat früher als andere auf die Regionalität des Konflikts aufmerksam gemacht, jetzt ist dies ein Teil der neuen Sicherheitsdoktrin, wie die Münchner Konferenz zeigt.

Nun wird Neudecks Stimme weniger Gewicht haben als die von Regierungen, deren Militär, Aufbaupersonal und Geld in Afghanistan eine Rolle spielen. Doch auch die big player machen in letzter Zeit Karzais Regierung für die Misere im Land verantwortlich. Gerade ist Wahlkampf in Afghanistan, im Sommer wird ein neuer Präsident gewählt. Offenbar wünscht man sich in einigen Hauptstädten einen anderen Mann an der Spitze des Landes. Es wirkt mitunter, als würde Karzai dafür abgestraft, dass er sich zunehmend erlaubt, auf die Souveränität Afghanistans zu bestehen und das Vorgehen der Interventen zu kritisieren, obwohl sein Land nicht zur Ruhe kommt.

An Karzai kann man die Schwächen des von Washington forcierten "liberal Statebuilding" in der vulgären Form Wahlen + Marktwirtschaft gut studieren. Während der relativ friedlichen Phase nach 2001, als ein erschöpftes Volk sich nach friedlichem und zivilem Alltag sehnte, pressten die USA unerbittlich auf eine verfrühte Wahl des Präsidenten ihrer Gnaden und des Parlaments, um die Wiederwahl von George Bush zu unterstützen.

Karzai war keineswegs nur Washingtons Mann, aber natürlich hängt er bis heute von der Macht am stärksten ab, die die meisten Soldaten, das meiste Geld und die meisten zivilen Projekte bereitstellt. Die Abhängigkeit Afghanistans von außen ist so groß, dass Karzai sich kaum erlauben konnte zu demonstrieren, was der Zweck des Staatsneubaues aus der Sicht der afghanischen Regierung ist. Dieser neue Staat Afghanistan konnte, musste kollidieren mit Stammesinteressen, mit den Nachfolgekonflikten mit früheren Kommandanten, mit lokalen Traditionen, aber natürlich ebenso mit organisiertem Verbrechen, Drogenökonomie und der teilweise erschreckenden Unkenntnis der Probleme des Landes aufseiten der internationalen Gemeinschaft. Die Interventen hätten viel früher viel mehr tun müssen, um den Staat für diesen Kampf um ein staatliches Gewaltmonopol zu rüsten. Das ist nicht geschehen, jetzt brennt es in Land an allen Ecken. Der charismatische Karzai hat keine schlechte Figur gemacht beim Versuch, sein Land trotzdem zusammenzuhalten.

Zugegeben: Die Taliban sind wieder da, die Armut, die Korruption, die Unregierbarkeit sind schlimmer geworden. Alles halb richtig, aber auch halb falsch. Es gibt überraschend viel Frieden mitten im Krieg, es gibt auch Ansätze zur gesellschaftlichen (nicht unbedingt staatlichen) Konsolidierung. Wichtig ist vor allem zu verstehen, dass Karzai die Staatsgründung viel wichtiger ist als der Kampf im Krieg gegen den Terrorismus. Das bedeutet eine gänzlich unterschiedliche Haltung gegenüber den Taliban, die nicht unser Feind sind, sondern der des zivilen Afghanistan. Das muss zu Spannungen mit den Geberländern führen. Übrigens hat Karzai Recht: Wenn jemand mit den Taliban verhandelt, um sie zur Verfassung und zum Aufgeben zu bewegen, dann er, und nicht selbsternannte Mediatoren.