"Es ging so schnell, ohne Warnung", sagte Buffy Leadbeater in Kinglake West. Es ist ein Satz, den Überlebende aus den verbrannten Orten Victorias immer wieder wiederholen. "Wir wollten weg, aber es war zu spät", so die junge Frau, die ihre drei kleinen Söhne in einer gefüllten Badewanne unter nassen Decken verpackte. Dann half sie ihrem Mann, der das Dach des Hauses aus Eimern mit Wasser begoss. Tropfen angesichts der gigantischen Flammen rundum, doch die Leadbeaters und ihr Haus überlebten. Bis Dienstag starben in der schlimmsten Naturkatastrophe in Australiens Geschichte mindestens 173 Menschen. Polizeichefin Nixon fürchtet bis zu 300 Tote. 360.000 Hektar Buschland und 1000 Häuser sind verbrannt, 5000 Menschen obdachlos.

Dienstagnachmittag hatte die Hitze nachgelassen, doch angefacht von starken Winden wüteten noch immer mehr als 20 Feuer vor allem nördlich von Melbourne. Nach den immensen Verlusten vom Wochenende fliehen die Menschen inzwischen früher aus den betroffenen Gegenden. Hilfstrupps aus ganz Australien sowie Neuseeland sind in die Krisengebiete geeilt. Feuerlösch-Experten in den USA sind auf Abruf bereit zu helfen.

Nicht rechtzeitig gewarnt? 

Es war ein Komplott der ärgsten Rekorde: die Dürre, Temperaturen bis zu 48 Grad, rasend schnelle Winde. Sturmböen trieben Flammenwände mit Geschwindigkeiten von 120 Kilometern pro Stunde durch das knisternd trockene Victoria und ließen den Einwohnern kleiner Gemeinden kaum eine Chance: Sie hatten Wände und Dächer mittels Schläuchen und Eimern gewässert, die Regenrinnen gefüllt, Büsche und Sträucher im Umkreis gerodet, Hochdruckpumpen bereitgestellt. Wie fast überall im ländlichen Victoria lagen auch in Steels Creek sogenannte Feuerpläne parat. Doch nur die wenigsten Bewohner konnten sie verwirklichen. "Es kam ohne Warnung, es blieb keine Zeit. Ich habe nie etwas Ähnliches gesehen", sagt Ian Wood aus Steels Creek, wo sieben Menschen starben. Frauen und Kinder waren fortgeschickt worden, Wood blieb, um zu kämpfen, doch auch er sagt: "Es ging alles zu schnell." Überlebende sprechen von rasenden Feuerbällen, von Glutbrocken, die vom Wind beschleunigt wie Bomben fielen. Auch vermeintlich "feuerfeste" Häuser hielten nicht stand.

Wurde nicht rechtzeitig gewarnt? Waren die Menschen nicht vorbereitet? Hätte man früher evakuieren müssen? Australien ist eine Nation, die seit jeher mit Waldbränden lebt. Wer in die grünen Buschregionen zieht, kennt die Gefahr und versucht, mit ihr zu leben. Eine Faustregel lautet: "Früh fliehen oder kämpfen". Ein Motto, das diesmal nicht griff. "Dieses Feuer änderte seine Richtung mit solchem Tempo, dass man sich fragt: Welcher Rettungsplan hätte diesen Leuten eine Chance gegeben?", so der frühere Polizeichef Andre Haermeyer ratlos auf die Frage, ob es Sinn gemacht hätte zwangsweise zu evakuieren. Und wohin? "Um eine ländliche Region zu räumen, braucht man mehr als ein paar Stunden", so David Packham, Waldbrand-Experte der Uni Melbourne. "Oft blieben nur Minuten". Dann drehten die Winde erneut und schnitten Auswege ab. Viele Menschen starben in ihren Autos auf der Flucht. Die Orte Kinglake und St. Andrews waren bereits Schutt und Asche, noch ehe sie im Radio als gefährdet gemeldet wurden. Im Marysville, einem bis Freitag hübschen Bergdorf zwei Autostunden nördlich von Melbourne, wüteten die Flammen kaum eine Stunde – und zerstörten fast den ganzen Ort. Mindestens zwölf der 600 Einwohner kamen hier ums Leben.