Es sei unglaubwürdig, dass der Vorstand von den Spitzel-Aktionen rund zehn Jahre lang nichts gewusst haben soll, sagten mehrere Abgeordnete nach der Befragung im Bundestags-Verkehrsausschuss am Mittwoch in Berlin. "Ein verantwortlicher Vorstand muss wissen, was da passiert", sagte der SPD-Verkehrsexperte Uwe Beckmeyer. Während Bahn-Politikvorstand Otto Wiesheu erneut beteuerte, Bahnchef Hartmut Mehdorn habe nichts gewusst, konterte der Grüne Anton Hofreiter: "Das ist absolut unglaubwürdig."

Der Antikorruptionsbeauftragte Wolfgang Schaupensteiner sagte nach Teilnehmerangaben, dass die Bahn Aufträge erteilt hat, Bankkonten auszuforschen. Dabei sei es um Mitarbeiter unter Korruptionsverdacht gegangen. Bei der ersten Befragung am 28. Januar hatte er solche Aktionen noch bestritten. Im Zwischenbericht zur Datenaffäre, den der Konzern am
Dienstag Regierung und Parlament vorgelegt hatte, wird ein solcher Fall genannt.

Besonders verärgert waren die Ausschussmitglieder darüber, dass einer der Hauptverantwortlichen der Affäre trotz Zusage nicht vor dem Ausschuss erschienen war. Dabei hätten alle Fraktionen in einem gemeinsamen Brief an Mehdorn das Erscheinen von Josef Bähr, dem Leiter der Konzernrevision, nachdrücklich gefordert. Es hat sich bestätigt, was wir schon vor zwei Wochen vermutet haben: Die Bahnführung hat keinerlei Interesse daran, dass Bähr aussagt", sagte anschließend der FDP-Verkehrsexperte Horst Friedrich. Bähr war kurz vorher von der Bahn beurlaubt worden. Wie Wiesheu sagte, ist der entsprechende Antrag von Mehdorn selbst unterschrieben.

Kanzlerin Angela Merkel stärkte dem Bahnchef trotzdem erneut den Rücken. Mehdorn sei eine kantige Persönlichkeit, die das Unternehmen nach vorn gebracht habe, sagte ihr Sprecher Thomas Steg.

Der Ausschuss beschloss, für die kommende Sitzung am 4. März, Mehdorn selbst sowie Bähr zu laden.

Verkehrsstaatssekretär Achim Großmann (SPD) hatte schon vor der Sitzung kritisiert, dass die Verantwortung weiter unklar sei, obwohl die Bahn auch Straftaten für möglich halte. Wenn der dazu vorgelegte Bericht der Bahn zutreffe, sei zehn Jahre lang gegen Datenrecht verstoßen worden, ohne dass der Vorstand davon gewusst habe. "Das beunruhigt mich in der Tat." Der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar sagte in der Sitzung, er gehe von Verstößen gegen das Datenschutzrecht und gegen das Beamtenrecht aus. Er werde sich in die Ermittlungen einschalten.