ZEIT ONLINE: Ihr Film Mammut handelt von den ungleichen Familienverhältnissen in der Ersten und der Dritten Welt. Ein reiches New Yorker Pärchen arbeitet so viel, dass es für die Betreuung seiner Tochter ein philippinisches Kindermädchen einstellt. Die Söhne dieses Kindermädchens wiederum leiden in der Heimat unter der Abwesenheit der Mutter. Verstehen Sie sich als Moralist?

Lukas Moodysson: (zögert) Ich interessiere mich für moralische Themen und für die Frage, was richtig ist oder falsch. Aber ich bin niemand, der eine Antwort darauf geben kann.

ZEIT ONLINE: Alle Protagonisten Ihres Films versuchen verzweifelt, das Richtige für sich und ihre Kinder zu tun – und scheitern letztlich dabei.

Moodysson: Ich befasse mich lieber mit Menschen, die etwas versuchen, als mit solchen, die Erfolg haben. Der Versuch ist für mich das Wichtigste.

ZEIT ONLINE: Ihr Hauptdarsteller Gael Garcia Bernal hat in einem Gespräch mit dem ZEITmagazin die "ganze amerikanische Wohltätigkeitsscheiße" angeprangert . Stimmen Sie mit ihm überein?

Moodysson: Wir haben viele Diskussionen über Wohltätigkeitsveranstaltungen geführt und die Gründe dahinter. Ob es um tatsächliche Anteilnahme geht oder nur darum, eine tolle Party zu veranstalten. Manchmal führt uns unsere Betroffenheit in seltsame Richtungen. So wie den New Yorker Leo, der während einer Geschäftsreise nach Thailand angewidert davon ist, dass sich thailändische Frauen an Touristen verkaufen müssen. Er ruft seine Frau an und erzählt ihr, er wolle eine wohltätige Stiftung gründen. Das ist natürlich irgendwie albern, aber es ist ein Impuls, den viele von uns verspüren.

ZEIT ONLINE: Sind Sie während des Drehs in Thailand und auf den Philippinen selbst von der Realität überrollt worden?

Moodysson: Auf den Philippinen haben wir eine Szene auf einem Platz gedreht, der nachts ein Treffpunkt von Straßenkindern ist. Es fühlte sich falsch an, diese Kinder zu filmen, und sie dadurch auf eine gewisse Art auszubeuten. Natürlich habe ich mich in diesem Moment gefragt: Was kann ich tun? Soll ich meine Existenz aufgeben und mein Leben dem Wohl dieser Kinder widmen? Soll ich ihnen Hamburger kaufen? Oder sie zumindest zum Zahnarzt bringen, denn einige von ihnen hatten tatsächlich keine Zähne mehr. Ich fühlte mich wie ein Heuchler, weil ich nichts tat, um die Dinge zu ändern. Und dennoch weinte ich, weil ich mich so elend und hilflos fühlte.

Diese Kleinstadt auf den Philippinen war ein sehr spezieller Ort. Sie liegt neben einer ehemaligen amerikanischen Marine-Basis. Als diese in den neunziger Jahren geschlossen wurde, wirkte sich das auf die Stadt aus. Zuvor hatte es ein riesiges Rotlicht-Milieu gegeben, Kinderprostitution, schreckliche Dinge sind dort passiert. Nach der Schließung der Basis verschwanden zwar die potenziellen Freier, aber gleichzeitig brach die Wirtschaftslage vor Ort zusammen.