Ein bisschen erinnerte die israelische Wahl an den letzten Wahlabend in Deutschland: Damals saß Gerhard Schröder (SPD), der gerade verloren hatte, vor den Fernsehkamera neben Angela Merkel (CDU), die gewonnen hatte, und verhielt sich dennoch wie der Sieger. Als sie schließlich doch im Regierungssattel saß, war diese Episode längst nicht mehr relevant. So könnte es auch Zipi Liwni gehen. Muss es aber nicht.

Mit einer Mehrheit von einem Mandat gegenüber dem Likud sieht sich die Kadima-Chefin als auserkoren, die nächste Regierung zu bilden. Die richtige Sache jetzt sei es, den Wunsch der Wähler zu respektieren, sagte sie und lud Likud-Chef Benjamin "Bibi" Netanjahu erneut dazu ein, einer Regierung der nationalen Einheit unter ihrer Führung beizutreten. Sie hätte ihm das bereits vor der Wahl angeboten, weil Israel vor großen Herausforderungen stehe, aber Netanjahu habe abgelehnt mit dem Argument: Das Volk solle entscheiden. "Nun, jetzt hat das Volk Kadima gewählt", argumentiert Liwni.

Netanjahu wiederum, der vor zwei Wochen noch als unerreichbarer Sieger in den Umfragen gefeiert worden war, tat sich schwer, seine Enttäuschung zu verbergen. An seinem Bestreben, nächster Ministerpräsident zu werden, hat das allerdings nichts geändert: Er erklärte sich trotz allem zum Sieger - weil Israel eine parlamentarische Demokratie sei und die Parteien des rechten Spektrums viel mehr Sitze auf sich vereint hätten als der linke Block (65 zu 55). Deshalb sei es an ihm, über die nächste Regierung zu bestimmen.

Solange sich Netanjahu aber nicht auf eine Koalition mit Zipi Liwnis Zentrumspartei einlässt, stehen die Chancen für sie schlecht, eine tragfähige Regierung zu bilden. Es könnte deshalb sein, dass Präsident Schimon Peres jenen mit den besten Aussichten mit der Regierungsbildung beauftragt – und daher Netanjahu ihr vorzieht.

Viel hängt nun ausgerechnet vom Shootingstar Awigdor Lieberman ab, der mit seiner anti-arabischen, nicht-religiösen Partei "Israel Beiteinu" 15 Mandate gewonnen hat. Er, der einst das Ministerpräsidentenbüro Netanjahus geleitet hatte, gehört dem extrem rechten Lager – rechts vom Likud – an. Für ihn wäre es deshalb nur natürlich, sich einer Koalition mit seinem ehemaligen Chef anzuschließen. Allerdings schloss er – als kluger Taktiker, der seine plötzliche Macht ganz sichtlich genießt – auch ein Bündnis mit Kadima nicht völlig aus.

Einen guten Grund zumindest hätte er, sich in Richtung Mitte zu orientieren. Schließlich hat ihn das spirituelle Oberhaupt der ultraorthodoxen Shas-Partei mit dem Satan verglichen, weil zu Liebermans Wählerschaft viele Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion gehören, die auch in Israel weiterhin am liebsten Schweinefleisch essen und auch sonst mit dem jüdischen Glauben wenig am Hut haben.