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Virginia Woolf war eine kluge Frau, und sie starb 1941. Was sie einst über das Wesen des Essays sagte, stimmt bis heute: "Er sollte uns mit seinem ersten Wort in Bann schlagen, und erst mit seinem letzten Wort sollten wir – erfrischt – wieder aufwachen." Eliot Weinberger wurde 1949 geboren. Und in den Essays, die der New Yorker Autor bis heute schrieb, finden wir genau diese Ästhetik wieder, die Woolf einst forderte.

Weinbergers Texte überqueren Ozeane, werfen uns zurück in Sagen fremder Völker. Sie zeigen uns Ränder der Weltgeschichte, wo es zur Tradition gehört, Mädchen die Kehle durchzuschneiden mit einem "kleinen, zum Ententöten bestimmten Messer". Oft sind sie nur zwei, drei, vielleicht vier Seiten lang. Er erzählt uns über Mohammeds Frauen, von den Winden der Jahreszeiten. Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Von Maharadschas, die der Tigerjagd verfallen sind, und was das mit dem Dichter William Blake zu tun hat. Kleine erhellende Kaskaden. Fast wie Zauberei.

Da ist diese Neugier, sie befiel Weinberger ganz früh. Kindheit in New York, Traumberuf: Archäologe. Als Teenager saß er in der Highschool-Bibliothek und ackerte sich durch Wälzer über Mesoamerika und die Azteken. In einem fand er ein Gedicht, eingeklebt auf die Seiten. Sun Stone von Octavio Paz. Da war Weinberger 18 Jahre alt und beschloss, er wolle fürderhin Schriftsteller sein. Mit 19 wurde er Paz’ Übersetzer.

Danach Studienabbrecher. In den Jahren zwischen 20 und 30 las er und reiste und reiste und las. Bücherberge. Vier Jahre ging er nach London, lernte Chinesisch, fast wäre er Sinologe geworden, aber er wurde Essayist. Denn im Englischen sei diese Form noch unerforschtes Territorium, sagt Weinberger. Er beschritt es, fast ausschließlich in der deutschen Ausgabe der Lettre International, seit 1995.

Es ist diese betörende Form seiner Texte: Verknappt, lebendig, klingend liest sich seine Prosa, in der Weinberger seine Fundstücke ausbreitet und sich selbst zurücknimmt. Er ordnet seine Funde nicht ein, belässt sie in ihrer barocken Beliebigkeit. Er montiert das, was er gefunden hat. Wenige Sätze schaffe er am Tag, heißt es. Ein Essay braucht Monate, denn zuvor muss er reisen. Kaum ein Schriftsteller reist so viel wie er. Manchmal sind es Jahre der Recherche und hernach tue er oft nichts anderes, sagte er einmal, als "die schönsten Blumen auf der Wiese zusammenzustellen". Das klingt so einfach – aber viele 1000 Seiten und Kilometer liegen dazwischen.

Als der Irakkrieg ausbrach, tauschte Eliot Weinberger seine Neugier gegen Wut. Durch George W. Bush sei er gezwungen worden, seine Arbeit zu unterbrechen. Er schrieb Was ich hörte vom Irak. Dort trug Weinberger Zitate amerikanischer Politiker zusammen – Cheney, Rumsfeld, Bush, Rice – und entlarvte sie, erschuf eine Chronologie des Krieges und ihrer Lügen, die sich im Internet rasch verbreitete, auf Bühnen aufgeführt und vorgelesen wurde. Weinberger füllte durch den literarischen Umgang mit diesem Krieg eine Lücke, die bislang noch niemandem aufgefallen war.

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Krieg, Tiere, vergessene Völker. Weinbergers enzyklopädisches Interesse an der Welt ist bewundernswert. In seiner Essaysammlung Kaskaden schildert er den Somalia-Krieg anhand des Nacktmulls, ein Tier, über das er zuvor 600 Seiten gelesen hatte.  "Über ihren Köpfen tobt der Krieg. Sie haben ein ausgezeichnetes Gehör." In dem Essay Chang zählt er Menschen auf, die diesen Namen trugen, erzählt, wer sie waren, was sie taten, wie sie starben. Ein paar Seiten reiht er die wenigen Nashörner auf, die die Welt bereisten und starben. Schnöde Statistik könnte man meinen. Weinberger erschafft aus Zahlen und Anekdoten funkelnde Prosa.

Seine dokumentarische Kunst entwickelt eine erstaunliche Eleganz. Poetisches, verdichtetes Wissen, jeder Satz ein Buch. Weinberger bewahrt die Geheimnisse. Er nähert sich an, stellt Widersprüche gegeneinander, die ihm in der Recherche begegneten. Zum griechischen Gelehrten Empedokles schreibt er: "Er starb, als er mit 71 aus einem Wagen fiel. Er starb mit 60 oder mit 109. Er erhängte sich; er fiel ins Meer."

Das sind solche Rätsel, die Unds und Oders dieser Welt. Man muss ihnen verfallen. Bisweilen kann man kaum glauben, dass sie auf diesem Planeten geschahen. Hinterher bleibt stilles Staunen, vielleicht ein Flüstern: Wie er diese Geschichten findet? Woher er das alles weiß? Nein. Wie er das wissen kann!