Krieg, Tiere, vergessene Völker. Weinbergers enzyklopädisches Interesse an der Welt ist bewundernswert. In seiner Essaysammlung Kaskaden schildert er den Somalia-Krieg anhand des Nacktmulls, ein Tier, über das er zuvor 600 Seiten gelesen hatte.  "Über ihren Köpfen tobt der Krieg. Sie haben ein ausgezeichnetes Gehör." In dem Essay Chang zählt er Menschen auf, die diesen Namen trugen, erzählt, wer sie waren, was sie taten, wie sie starben. Ein paar Seiten reiht er die wenigen Nashörner auf, die die Welt bereisten und starben. Schnöde Statistik könnte man meinen. Weinberger erschafft aus Zahlen und Anekdoten funkelnde Prosa.

Seine dokumentarische Kunst entwickelt eine erstaunliche Eleganz. Poetisches, verdichtetes Wissen, jeder Satz ein Buch. Weinberger bewahrt die Geheimnisse. Er nähert sich an, stellt Widersprüche gegeneinander, die ihm in der Recherche begegneten. Zum griechischen Gelehrten Empedokles schreibt er: "Er starb, als er mit 71 aus einem Wagen fiel. Er starb mit 60 oder mit 109. Er erhängte sich; er fiel ins Meer."

Das sind solche Rätsel, die Unds und Oders dieser Welt. Man muss ihnen verfallen. Bisweilen kann man kaum glauben, dass sie auf diesem Planeten geschahen. Hinterher bleibt stilles Staunen, vielleicht ein Flüstern: Wie er diese Geschichten findet? Woher er das alles weiß? Nein. Wie er das wissen kann!