Die professionellen Vogelbeschauer müssen sich mal wieder in Bescheidenheit üben. Haben die Meinungsforscher nicht wochenlang den Sieg des Benjamin Netanjahu und seines nationalliberalen Likud vorausgesagt? So wie die unsrigen dem jeweiligen Unions-Kandidaten - Stoiber 2002, Merkel 2005 - den ganzen Sommer lang einen doppelstelligen Vorsprung eingeräumt hatten?

Der Wähler in der modernen Demokratie muss nunmehr nicht "Wähler", sondern "Wankel" heißen. Denn er behält sich, auch in Israel, bis zur letzten Minute den Wahlentscheid vor. Geschwunden sind die alten Kräfte (Religion, Sozialstatus, Stadt/Land), die früher recht stabile Wahlvoraussagen zuließen. In Israel war bis zum Schluss ein Viertel der Wähler unentschieden, und davon profitiert haben Kadima ("Vorwärts") und deren Chefin, die Außenministerin Zipi Liwni.

Aber nur mit einem Sitz Vorsprung. Nach Auszählung von 99,7 Prozent der Stimmen sieht das Resultat so aus (Sitze):

Kadima (Mitte): 28
Likud (Mitte-Rechts): 27
Israel Beiteinu ("Israel ist unser Haus", Rechtnational): 15
Arbeitspartei (SPD-mäßig): 13
Shas (ultrareligiös): 11

Die restlichen 37 Sitze (von insgesamt 120) teilen sich diverse Kleinparteien, zwei Rechtsparteien mit sieben Sitzen, zwei arabische Parteien mit insgesamt sieben Mandaten, die sehr stark zusammengeschmolzene Linke mit gleichfalls sieben Sitzen, eine weitere religiöse Partei mit fünf. Zipi Liwni ist mit einem Sitz vorn, aber das bedeutet noch nicht, dass sie Premier wird – nicht einmal, dass der Präsident, Schimon Peres, ihr als Erster die Regierungsbildung anträgt.

Er könnte zum Beispiel bedenken, dass Liwni es schon vor zwei Monaten, obwohl in einer besseren Ausgangsposition, nicht geschafft hatte, eine Mehrheit zusammenzubringen, was denn auch diese Neuwahl erforderte. Sie hatte damals einen Sitz mehr und der Likud bloß 12.