Er stieg aus dem Hubschrauber, nahm seine Frau und seinen Sohn in die Arme und drückte sie an sich. Der wahrscheinlich glücklichste Moment im Leben von Alan Jara dauerte nur wenige Minuten an, dann musste er in ein Auto steigen, nicht einmal zum Mittagessen blieb Zeit. Der Wagen fuhr ihn zum größten Konferenzsaal der Stadt Villavicencio, wo er die Worte aussprach, die man im polarisierten Kolumbien in solch beschwingtem Ton schon lange nicht mehr gehört hatte: "Es scheint, dass der Krieg Uribe zugute kommt – und dass es der Guerilla gefällt, dass dieser Mann an der Macht ist".

Das sagte der Ex-Gouverneur der Region Meta, sieben Jahre nachdem ihn die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc) als Geisel genommen hatten. Am Montag hatten die Rebellen vier Ex-Polizisten in die Hände einer humanitären Mission gegeben, zwei Tage später war auch Alan Jara befreit. Der ehemalige Kommunalabgeordnete Sigifredo López folgte einen Tag darauf.

Doch diese Freilassungen reichen niemandem in Kolumbien: "Mein Ziel ist es jetzt, alle anderen Compañeros aus dem Dschungel zu holen", sprach Alan Jara vor einer Menschenmasse in Villavicencio. Sich beim Präsidenten Álvaro Uribe zu bedanken – das vermochte der 51-jährige Ingenieur nach 2.760 Nächten politischer Geiselhaft nicht, im Gegenteil: Den rechtskonservativen Regierungschef Kolumbiens interessiere nur der Krieg, die circa 3.000 Entführten im Lande zählten nicht zu den Schachfiguren der politischen Strategen im Regierungssitz in Bogotá. Es mangele an Willen und Ideen, um dem seit einem halben Jahrhundert andauernden Krieg in Kolumbien ein Ende zu setzen.

Alan Jara war schon immer dünn und klein, doch nach sieben Jahren Reis und Bohnen im Dschungel (selten habe es gebratene Affen, eine Vikunja oder einen Armadill gegeben - eine richtige Delikatesse) sieht er nun abgemagert aus. Wie ein Großteil der Bevölkerung hat er Kolumbiens Krieg am eigenen Leib erfahren. Jedoch war er ein politischer Farc-Gefangener , das hat die Zeit seiner Entführung verlängert ("im Dschungel vergeht die Zeit doppelt so langsam") und sein Leiden verstärkt: Für die Guerilla gelten Geiseln wie Jara heute als das einzige Mittel, um politische und internationale Beachtung zu erlangen.

Darum fand der für die Farc härteste Rückschlag im Krieg gegen Uribe bereits statt, als Ingrid Betancourt, drei US-Amerikaner und elf Ex-Soldaten im Sommer 2008 den Klauen der Guerilla durch eine historische Operation der kolumbianischen Armee entkommen konnten. Betancourt, die prominenteste Geisel der Welt, war frei, und das Interesse europäischer Regierungen für den Konflikt in Kolumbien nahm rasch ab.

Nach den Freilassungen dieser Woche sind es jetzt noch 22 Polizisten und Soldaten, von denen das politische Überleben der Rebellen unter der Führung des 60-jährigen ‚Alfonso Cano’ abhängt. Bleibt die Zentralregierung in Bogotá bei ihrem harten Kurs, so kann die Guerilla den Präsidenten weiterhin der politischen Unterdrückung, der Willkür und des Friedensunwillens bezichtigen. Stellen die Rebellen ihre Gewalt gegen die Bevölkerung nicht ein, so kann Bogotá wiederum weiter den Krieg gegen die Farc führen – mit der Unterstützung großer Teile der Bevölkerung. Der nun freie Alan Jara hat Recht: Uribe und Farc brauchen einander.