Der lange Schutz für die Nazi-Täter – Seite 1

Josef Mengele war bis 1985 der wohl meistgesuchte Mann der Welt: Rund sieben Millionen Mark Belohnung waren auf seinen Kopf ausgesetzt. Dabei lebte der sadistische Auschwitz-Arzt da schon lange nicht mehr: Am 7. Februar 1979, da sind sich die meisten Historiker einig, erlitt er beim Schwimmen einen Schlaganfall. Das Grab des 1911 geborenen NS-Kriegsverbrechers wurde 1985 in der Nähe des brasilianischen São Paulo entdeckt, die exhumierte Leiche von Gerichtsmedizinern als die Mengeles identifiziert. Ein DNA-Test bestätigte 1992 die Identität.

Mengele ist der berüchtigtste Nazi-Täter, der wie andere davon profitierte, dass sie nach dem Krieg in der jungen Bundesrepublik kaum verfolgt wurden. Ein anderer, der SS-Arzt Aribert Heim , ist offenbar in 1992 in Kairo gestorben, wie das ZDF und die New York Times jetzt herausgefunden haben wollen. Weil er auf einem Armenfriedhof beerdigt wurde, in dem die Gräber schnell wieder neu belegt werden, wird seine Leiche wohl nie gefunden werden. Für tot hält man auch Alois Brunner, einen wichtigen Verantwortlichen für den Massenmord an den Juden, der zuletzt in Damaskus gelebt haben soll.  

Die NS-Verbrecher entgingen ihrer Strafe, weil für die westlichen Siegermächte wie für die ersten Bundesregierungen ab 1945 der Kalte Krieg rasch wichtiger wurde als die Aufarbeitung des gerade beendeten. Das Nachkriegs-Deutschland war mit Wiederaufbau, Wirtschaftswunder und Verdrängen beschäftigt. Die Ludwigsburger Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen wurde erst 1958 gegründet; auch dann sahen viele in Politik, Justiz und Verwaltung ihre Arbeit als Nestbeschmutzung und behinderten sie, wo sie nur konnten. Die Archive im Ostblock waren tabu, die Quellenlage entsprechend dünn.

Zudem nahmen die ersten Bonner Regierungen Rücksicht auf Verstrickungen eigener Leute. So wusste die Regierung Adenauer seit März 1958 vom US-Geheimdienst CIA, dass Adolf Eichmann sich in Argentinien aufhielt, der Hauptorganisator des Massenmordes an den Juden. Doch Kanzler Konrad Adenauer (CDU) verhinderte, so interpretiert es zumindest der US-Historiker Timothy Naftali, eine Verhaftung, damit sein tief in das NS-Regime verstrickte Staatssekretär Hans Globke nicht durch Aussagen Eichmanns in einem Prozess belastet würde. Erst im Mai 1960 wurde Eichmann von Agenten des israelischen Geheimdienstes Mossad nach Israel verschleppt, vor Gericht gestellt und 1962 hingerichtet.

Eichmanns Ergreifung verhinderte die Verhaftung Mengele. Nach Argentinien war auch der sadistische KZ-Arzt entkommen, der in Auschwitz ab 1943 mit Zwillingen und Kleinwüchsigen experimentiert, rund 40000 Menschen für den Tod in der Gaskammer ausgewählt und Häftlinge mit der Spritze ermordet hatte. Mengele war 1949 nach Buenos Aires gelangt; das deutsche Konsulat stellte ihm einen Pass auf seinen echten Namen aus. Später ging er nach Paraguay und Brasilien. Der Mossad hatte ihn neueren Erkenntnissen zufolge 1960 aufgespürt, ließ ihn aber laufen, um die Entführung Eichmanns nicht zu gefährden.

In Südamerika wurde bislang auch Aribert Heim vermutet. Der Lagerarzt in Sachsenhausen, Buchenwald sowie Mauthausen hatte es zunächst geschafft, sich als Arzt in der Bundesrepublik eine bürgerliche Existenz aufzubauen. Er tauchte erst 1962 unter und kassierte wohl noch bis 1979 Mieteinnahmen eines Hauses in Berlin. ZDF-Reporter fanden jetzt Dokumente, die vermuten lassen, Heim sei als Tarek Farid Hussein 1992 in Kairo gestorben.

In den Nahen Osten floh auch Alois Brunner, rechte Hand Eichmanns und bislang vor Heim meistgesuchter NS-Kriesgverbrecher auf der Liste des Wiesenthal-Zentrums. Der Mann, der Wien "judenfrei" meldete, lebte als Alois Schmaldienst bis 1954 in Essen. In Frankreich wurde er in Abwesenheit zum Tode verurteilt.

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Als sein Alias aufzufliegen drohte, verhalfen ihm alte Kameraden zur Flucht nach Damaskus. Rudolf Vogel, Ex-Mitglied der NS-Propagandastaffel in Saloniki und später Bundestagsabgeordneter der CDU, soll die Tickets nach Syrien besorgt haben. Der frühere SS-Kamerad Georg Fischer, Leibwächter Adenauers, überließ Brunner 1954 seinen Pass.

Der wichtigste Fluchthelfer aber war wohl Reinhard Gehlen, einst Chef der Ostspionage der Wehrmacht, der im Auftrag des US-Geheimdienstes den bundesdeutschen Nachrichtendienst aufbaute: Die "Organisation Gehlen" wurde zum BND und er dessen Chef bis 1968.

Brunner, der jetzt Dr. Fischer hieß, übermittelte Gehlen Informationen über den Nahen Osten und wurde zudem so etwas wie"Berater für Judenfragen" des syrischen Regimes. Die österreichischen und deutschen Behörden fahndeten erst seit den 70er Jahren ernsthaft nach Brunner - und wurden in Syrien abgewimmelt: Brunner sei nicht in Damaskus. Dabei telefonierten westliche Reporter mehrfach mit ihm, noch in den 80er Jahren gab er Interviews.

Bei zwei möglicherweise vom Mossad verübten Briefbombenanschläge verlor Brunner 1961 ein Auge und 1980 vier Finger der linken Hand. Seit 2001 wurde der NS-Verbrecher, der heute 96 Jahre alt wäre, nicht mehr gesehen. Das Simon-Wiesenthal-Center nennt ihn zwar noch auf der Liste der Meistgesuchten, nimmt aber an, dass er tot ist.        

Der Nahe Osten war neben Südamerika ein beliebtes Versteck der verbliebenen NS-Täter: Als Judenhasser fanden sie dort Gleichgesinnte, vor allem aber kooperierten die Regimes nicht mit westlichen Geheimdiensten. In Südamerika waren Chile und Paraguay wichtige Zielländer sowie vor allem Argentinien.

Dort lebte lange auch der an Erschießungen von Zivilisten in Italien beteiligte Erich Priebke – unter seinem richtigen Namen, mit deutschem Pass und als angesehenes Mitglied der deutschen Gemeinde, obwohl die Deutsche Botschaft seine Vergangenheit kannte. Erst 1993 wurde Priebke unter Arrest gestellt, 1995 nach Italien ausgeliefert und 1998 zu lebenslanger Haft verurteilt – die wegen des schlechten Gesundheitszustandes des damals 85-jährigen umgehend in Hausarrest umgewandelt wurde.

Denn das ist das Problem der Nazi-Jäger: Weil die Verfolgung der noch lebenden NS-Kriegsverbrechen lange Jahre vernachlässigt wurde, sind etliche Zeugen tot, andere können oder wollen sich nicht mehr erinnern. Die greisen Angeklagten und Zeugen können Prozesstermine nicht wahrnehmen, sind nicht reisefähig, und kommt es doch zu einem Urteil, das der Angeklagte noch erlebt, wird es aus Gesundheitsgründen meist nicht vollstreckt. Die Versäumnisse der 50er, 60er und 70er Jahre sind nicht mehr aufzuholen.