ZEIT ONLINE: Interessieren sich die Menschen in Zeiten des Krieges überhaupt noch für Kino?

Arasoughli: Während der vergangenen zwei Jahre, in denen der Gaza-Streifen weitgehend abgeriegelt war, haben wir mit Frauenorganisationen in den Flüchtlingslagern zusammengearbeitet und ihnen Videokassetten mit Filmen geschickt. Selbst als die Kraftwerke bombardiert wurden und es vielerorts keinen Strom gab, riefen mich unsere Partner in Rafah an und fragten, ob sie Diesel für den Generator kaufen dürften für umgerechnet sechs Euro - es seien so viele Frauen gekommen, um den Film zu sehen. Die Menschen wollen nicht wie Tiere leben und nur essen und trinken. Diese Filmveranstaltungen sind auch soziale Veranstaltungen, während derer man miteinander diskutieren kann. Für die Menschen im Gaza-Streifen sind sie ein Fenster zur Normalität.

ZEIT ONLINE: Mit welchen Schwierigkeiten haben Sie als Leiterin eines palästinensischen Frauenfilmfestivals zu kämpfen?

Arasoughli: Als wir das Frauenfilmfestival Shashat 2004 zum ersten Mal veranstalteten, prophezeite man uns, unsere  Poster würden heruntergerissen und das Festival ohnehin geschlossen werden. Die Leute haben uns wirklich Angst gemacht. Ich denke, es waren unsere Haltung und unsere Offenheit, die uns zum Erfolg verholfen haben. "Frauenfilme" setzen viele gleich mit Didaktik und Langeweile – das wollten wir nicht. Und tatsächlich kamen die Leute in Strömen, Studenten, Frauen, sehr viele Männer. Die letzten Vorstellungen waren Anfang Dezember, kurz bevor der Krieg begann.

ZEIT ONLINE: Welche Filme zeigen Sie auf Ihrem Festival?

Arasoughli: Werke von palästinensischen Filmemachern, Regisseuren aus der arabischen Welt sowie internationale Produktionen, die Leute zum Nachdenken bringen. Viele glauben, die Öffentlichkeit in Palästina sei dafür nicht bereit. Doch die Menschen sind viel weniger konservativ, als man denkt. Man entmündigt sie, wenn man ihnen die Möglichkeit verwehrt, ihren Horizont zu erweitern.

ZEIT ONLINE: Sind Sie  angegriffen worden von den konservativen Kräften in Palästina?

Arasoughli: Natürlich haben viele der Filme hitzige Debatten ausgelöst. Zum Beispiel unser Eröffnungsfilm Confessions ( Geständnisse ) im vergangenen Jahr, eine Co-Produktion mit dem Goethe-Institut. Darin berichten palästinensische Mädchen aus abgelegenen Dörfern, wie sie die Jungs und ihr eigenes Leben als Teenager sehen. Das galt anfangs als völlig unakzeptabel. Die Leute regten sich auf, dass es in dem Film gar nicht um den Nahost-Konflikt gehe und dass Mädchen überhaupt nicht über Jungen nachzudenken hätten. Aber das tun sie! Und es ist auch völlig normal, das zu zeigen. Der Film handelt von unserer Gesellschaft und von Dingen, über die in dieser Gesellschaft nicht gesprochen wird. Bei der Premiere in Ramallah hatten wir ein volles Haus, und es gab viel Applaus. Zwei Wochen lang wurde in allen Medien über den Film diskutiert, viele der Mädchen wurden interviewt. Er hat einen Zustand kultureller Beteiligung ausgelöst, den keine andere Arbeit hätte erzeugen können. Inzwischen wird er an verschiedenen Universitäten gezeigt.