Wenn Historiker in einigen Jahren die Geschichte der Finanzkrise schreiben werden, werden sie den 10. Februar 2009 vielleicht als jenen Tag bezeichnen, an dem aus einer Rezession eine Depression, aus einer Krise eine Katastrophe wurde. Am gestrigen Dienstag nämlich stellte der neue amerikanische Finanzminister Timothy Geithner sein mit Spannung erwartetes Bankenrettungspaket vor. Groß sollte es sein, aus einem Guss und entschlossen.

Klein ist es geworden, Stückwerk und zögerlich. Mit einem ganzen Bündel an hochtechnischen, aber größtenteils wirkungslosen Maßnahmen versucht die amerikanische Regierung zu kaschieren, dass sie keine Antwort auf die Schieflage im Finanzsektor hat. Das Schlimme daran ist, dass Geithner natürlich weiß, was zu tun wäre, sich aber aus polittaktischen Gründen zurückhält. Ähnlich wie beim Konjunkturpaket, das sich Barack Obama von den Republikanern zurechtstutzen ließ, wagen die Demokraten nicht den großen Wurf. Wirtschaftspolitisch legt der neue, gefeierte Präsident einen gewaltigen Fehlstart hin.

Zur Erinnerung: Geithner will mittels eines komplizierten Fonds den Privatsektor dazu animieren, den Banken ihre faulen Wertpapiere abzukaufen. Das Problem ist aber, dass die meisten dieser Papiere nichts mehr wert sind. Kein Investor wird sie den Banken für einen angemessenen Preis abkaufen. Ansonsten wäre das schon längst geschehen.

Wenn der Kreditfluss wieder in Gang kommen soll, muss also der Staat ran. Das hat allerdings weitreichende politische Konsequenzen. Denn die Regierung kann den Banken diese Papiere erstens zu einem überhöhten Preis abkaufen. Sie würde also eine Bad Bank gründen, eine staatliche Giftmülldeponie. Das ist unpopulär, denn die Verluste würden sozialisiert, der Steuerzahler übernimmt die Risiken, die Banken sind hingegen fein raus. Oder sie kann zweitens die Kapitalpuffer der Banken so auffüllen, dass diese die Lasten wieder selbst schultern können. Weil aber Kapital in der Regel nur gegen Aktienbeteiligungen bereit gestellt wird, hieße das, die Institute zu verstaatlichen.

Aus ökonomischen und gerechtigkeitstheoretischen Gründen spricht viel für die zweite Lösung. Sie würde endlich anerkennen, dass weite Teile des amerikanischen Finanzsystems nach allen gängigen Kriterien schlicht insolvent sind. Wenn sie erst einmal die Kontrolle über die Banken hat, könnte die Regierung im Finanzsektor aufräumen. Die guten Banken würden wieder privatisiert, die schlechten abgewickelt. Es ist davon auszugehen, dass auch einige der großen Adressen an der Wall Street in die zweite Kategorie fallen. Zwar will Geithner auch die Mittel für die Rekapitalisierung aufstocken und die Banken auf Herz und Nieren prüfen. Aber das ist nicht das zentrale Element seines Plans.

Es ist sicher nicht angenehm für eine Regierung, einen ganzen Wirtschaftssektor zu verstaatlichen. Gerade in Amerika. Aber es ist die sauberste Lösung, so haben es auch die Schweden einst erfolgreich gemacht. Desillusionierend ist insbesondere die Begründung, mit der Obama diesen Weg ablehnt. Auf seiner ersten Pressekonferenz kam der Präsident auf das schwedische Modell zu sprechen – um es dann mit dem Argument, es gebe in den USA eben "andere Traditionen" zurückzuweisen. Das ist nicht Ökonomie, sondern Ideologie. Solche Töne bestimmten die Debatte in Washington in den vergangenen acht Jahren. Es fällt schwer, an einen Neuanfang zu glauben.