Studenten haben mit dem Professor Bernhard Pörksen den Interviewband "Skandal" geschrieben. Ein Gespräch über das Wesen des Skandals und praktisches Arbeiten im Studium

ZEIT ONLINE: Herr Pörksen, warum haben Sie und die Studenten sich mit dem Thema Skandal auseinandergesetzt?

Bernhard Pörksen: Ich glaube, dass man am Beispiel von Skandalen zeigen kann, welchen Gefahren der Journalismus ausgesetzt ist, wie der Wettlauf um den Scoop das Tempo erhöht, wie die steigende Geschwindigkeit die genaue Recherche gefährdet und wie manche Redaktionen skandalisieren, um die Aufmerksamkeit zu steigern und die Auflage zu erhöhen. Das Thema hat übrigens der Journalist und Mitherausgeber Jens Bergmann erfunden – das war gar nicht mein Verdienst.

ZEIT ONLINE: Was ist das Besondere am Skandal?

Pörksen: Man bemerkt, dass der Skandal niemals endet – zumindest für die direkt Betroffenen, die Opfer, die Täter. Die öffentliche Empörung schlägt bei vielen Menschen offenbar derart tiefe Wunden, dass sie nie darüber hinwegkommen. Das Merkwürdige ist: Manche Gesprächspartner wollten über "ihren" Skandal reden, dann aber im Interview nichts sagen  - und hinterher alles kontrollieren. Die Studenten saßen mitunter einem Anwalt gegenüber, bevor sie zum Interviewpartner vorgelassen wurden - ein klarer Einschüchterungsversuch.

ZEIT ONLINE: Was reizt den Wissenschaftler an diesem Thema?

Pörksen: Der Skandal ist ein Extrem, das die Normalität offenbart. Und wer Skandale erforscht, der betreibt eine Form der schmutzigen Sozialforschung und lotet die moralischen Grenzen aus, die eine Gesellschaft charakterisieren. Vor einigen Jahrzehnten war es noch ein Skandal, wenn ein Politiker oder ein General in den Verdacht geriet, homosexuell zu sein. Das ist heute nicht mehr der Fall, weil sich unsere Gesellschaft – glücklicherweise – geändert hat.

ZEIT ONLINE: Durch das Internet beschleunigt sich die Nachrichtenübermittlung. Verändern Online-Medien wie Twitter und soziale Netzwerke wie Facebook den Umgang mit Skandalen?
 
Pörksen: Ja, denn heute kann jeder zum Objekt öffentlicher Empörung werden. Das Internet erlaubt es auf eine Weise zu skandalisieren, die früher undenkbar gewesen wäre. So wird aus einer Bagatelle womöglich ein Anlass öffentlicher Empörung. Ein Beispiel dafür ist das sogenannte Dog-Shit-Girl aus Südkorea: Ihr Hund hatte einen U-Bahn-Wagen beschmutzt, das war ihr egal. Nur: Irgendwer fotografierte alles mit seiner Digitalkamera und stellte die Bilder ins Netz. Weltweit regten sich Menschen über die junge Frau auf. Ein Internet-Skandal war geboren.