Es sind noch sieben Monate bis zur Bundestagswahl. Wie sie ausgeht, ist ungewiss. Experten sind sich allerdings einig, dass es am 27. September sehr knapp werden könnte. In aktuellen Umfragen liegt das bürgerliche Lager aus Union und FDP zwischen 48 und 51 Prozent, das linke Lager zwischen 44 und 48 Prozent. Je knapper die Wahl ausgeht, desto mehr könnte es auf Überhangmandate ankommen und damit auf eine Regelung des Wahlrechts, die nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom vergangenen August verfassungswidrig ist.

Für die deutsche Demokratie wäre eine Regierungsmehrheit, die womöglich nicht auf der Zahl der Zweitstimmen, sondern auf Überhangmandaten beruht, verhängnisvoll. CDU und CSU erwecken jedoch den Eindruck, als würden sie genau darauf spekulieren.

Die Angelegenheit ist kompliziert. Es geht um das sogenannte "negative Stimmgewicht". Dies führt dazu, dass eine Partei, sofern sie in einem Bundesland Überhangmandate erringt, umso mehr Sitze im Bundestag bekommen kann, je weniger Zweitstimmen sie erhält. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Effekt eintritt, ist dabei umso größer, je mehr Überhangmandate eine Partei insgesamt erzielt.

Nach dem Karlsruher Urteil ist dieser Teil des geltenden Wahlrechts "verfassungswidrig". Denn dies führe zu "willkürlichen Ergebnissen", so die Richter, und bewirke, "dass der Wählerwille in sein Gegenteil verkehrt wird".

Experten kannten den Effekt schon lange, einer breiteren Öffentlichkeit war dieser jedoch erstmal bei der Bundestagswahl 2005 aufgefallen, als die Abstimmung in einem Dresdener Wahlkreis wegen des Todes einer Kandidatin 14 Tage später nachgeholt wurde. Bei dieser Nachwahl hätte die CDU einen Sitz im Bundestag verloren, wenn sie mehr als 41.000 Zweitstimmen bekommen hätte. In diesem Fall hätte Sachsen ein Listenmandat zulasten von Nordrhein-Westfalen hinzugewonnen und gleichzeitig ein Überhangmandat eingebüßt.

Die Dresdener CDU-Anhänger verstanden die Botschaft: Bis zu 10.000 von ihnen könnten Schätzungen von Wahlexperten zufolge deshalb darauf verzichtet haben, ihrer Partei die Zweitstimme zu geben. Spräche sich dies bundesweit  in anderen Wahlkreisen herum, könnte dies zu erheblichen Verzerrungen im Wahlergebnis führen.