Tayyip Erdogan ist neuerdings Ehrenbürger der iranischen Hauptstadt Teheran. Das ist vielleicht schön für ihn, aber reichlich kurios für den Rest der Welt. Der Premier der säkularen Republik Türkei wird vom islamistischen Regime Irans ausgezeichnet: Soviel Dialektik ist neu. Oder passt es gerade gut zusammen?

Erdogan wütete während des Gaza-Kriegs verbal gegen Israel. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos verließ er zornig eine Podiumsdiskussion mit Israels Präsidenten Schimon Peres. In seinem Land wurde Erdogan dafür enthusiastisch gefeiert. Er erklärte, er habe die "Würde" seines Landes verteidigt. Während Araber und Iraner ihn preisen, rücken im Westen viele von Erdogan ab. In manchen deutschen und amerikanischen Zeitungen fällt die Ferndiagnose eindeutig aus: Der Islamismus erfasst nun endgültig das östlichste Nato-Land. Haben diese Kommentatoren Recht? Driftet die Türkei nach Osten ab?

Nicht zu übersehen ist, dass sich etwas in der Türkei verändert. Erstens in der Politik Tayyip Erdogans, zweitens in den Beziehungen des Landes zu seinen Nachbarn, drittens im Verhältnis der Türkei zum Westen. Wer den Gründen für die Veränderungen jedoch im Koran nachspüren will, wie es säkulare deutschtürkische Autorinnen gern tun, hat nichts von diesem Land begriffen. Schauen wir genauer hin, zunächst auf Erdogan selbst.

Pragmatisch bis zur Konturlosigkeit

Viele seiner säkularen Gegner sagen dem ehemaligen islamistischen Politiker eine geheime Agenda zur Umkrempelung der Türkei in einen islamischen Staat nach. Doch dieser Mann hat keinen versteckten Plan. Wenn er einen hätte, würde er ihn wahrscheinlich in der nächsten Aufwallung von selbst ausplaudern. Erdogan steht so offen vor uns wie wenige andere Politiker: Er ist ein hochbegabter Volkstribun, der nach dem Lärm um Gaza die wichtigen Regionalwahlen im März gewinnen dürfte. Er kommt von ganz unten, aus den neblig-trüben Werftgegenden Istanbuls, und verkörpert die Mischung aus Unterklassenstolz und aufgereizter Emotionalität des Stadtteils Kasimpasa. Als Premier aber ist er pragmatisch bis zur politischen Konturlosigkeit.

Für was hat er nicht schon Leidenschaft gezeigt: Einsatz für EU-Beitrittsverhandlungen und stolzen Zorn über die Zurückweisung seitens vieler Europäer, die schnelle Privatisierung türkischer Monopole und Direktzugriff des Staates in die Wirtschaft, Eintreten für Freiheitsrechte und Eindreschen auf die Medien, mehr Rechte für die Kurden, aber bloß kein Handschlag mit der pro-kurdischen DTP, Gastfreundschaft in Ankara für den mutmaßlichen Massenmörder von Darfur, Präsident Omar al-Baschir, aber harsche Kritik an den mörderischen Angriffen der israelischen Luftwaffe auf Gaza. Erdogan überrascht seine Beobachter und politischen Biografen immer wieder: durch Positionen, mit denen er sich selbst widerspricht.