Filmen fürs Leben

Christoph Hochhäusler ist hungrig. Die letzten Tage verbrachte er im Bett. "Grippe", sagt er. In einem Restaurant im alten Westberlin denkt er über seinen Beitrag zu Deutschland 09 nach. Nicht weit von hier wohnen Angela Schanelec und Romuald Karmakar. Zwei Filmemacher, mit denen Hochhäusler befreundet ist. Auch sie haben an der von Tom Tykwer initiierten Kurzfilmzusammenstellung Deutschland 09 mitgewirkt. "13 kurze Filme zur Lage der Nation" lautet der Untertitel. Die Nation, sie reduziert sich darin auf 13 individuelle Blicke. Es sind skeptische, dokumentierende, ironische Blicke darunter. Und Ausblicke.

Christoph Hochhäusler hat einen Science-Fiction-Film gedreht, der ein wenig an Chris Markers La Jetée erinnert. In einer Mondkolonie, Jahre nach einer Erd-Evakuierung, werden im "Ministerium für Rekonstruktion" die Bewohner in Erinnerungs-Séancen befragt. Man sieht diese Menschen nicht, aber man stellt sie sich vor. Eine Stimme aus dem Off fügt die Bruchstücke zusammen. Zu sehen sind Bilder und Gegenstände der Vergangenheit, abgefilmte Buchseiten und ein Foto aus Chris Markers Klassiker von 1962.

"Ich fand es faszinierend", sagt Hochhäusler, "einen Film zu machen, der seine Bedingungen auf diese Art und Weise ausstellt und trotzdem einen Sog entwickelt. Die Bilder besitzen ein Eigenleben. Und das, obwohl wir wissen, einige von ihnen stammen aus einem Buch auf einem Tisch." Séance , so der Titel, sei eine Art Science-Fiction-Märchen, das darüber reflektiere, welche Rolle Erinnerung für eine Kultur spiele.

Im Rahmen des Omnibusfilms Deutschland 09 fällt Hochhäuslers Arbeit heraus. Er ist der letzte Beitrag der Kurzfilmzusammenstellung, experimenteller als die vieler seiner Kollegen. Nicht alle Filme überzeugen. Am Nachhaltigsten bleiben die Beiträge von Dominik Graf, Romuald Karmakar und Angela Schanelec im Gedächtnis. Bei der Pressevorführung begeistert sich das Publikum für Dani Levys Joshua . Es ist die Komödie einer depressiven Nation – vom Vater bis zur Kanzlerin.

Mehr als 30 Jahre nach Deutschland im Herbst hat sich noch einmal eine Gruppe von Regisseuren zusammengefunden, um über ihr Land nachzudenken. Von einem politischen Aufbruch kann keine Rede sein. Zu unterschiedlich sind die einzelnen Regisseure, um mit einer Stimme zu sprechen, und zu kompliziert, die politischen Verhältnisse. Und vielleicht waren sie das auch damals, als Rainer Werner Fassbinder, Alexander Kluge und Co. auf den "Deutschen Herbst" mit einem Film reagierten.

"Was ich gut finde an der Initiative von Tom", sagt Hochhäusler, "ist der Versuch, etwas gemeinsam zu machen, sich auszutauschen." Um Ähnliches ging es Hochhäusler schon an der Filmhochschule in München, wo er mit Freunden die Filmzeitschrift Revolver gründete. Mittlerweile geht die Zeitschrift in Buchform ins elfte Jahr. "Ich habe immer versucht, die Leute zu vernetzen, die etwas Ähnliches wollen, weil mir das Spaß macht. Mein Traum war, dass es einen Zusammenhalt gibt, dass man gemeinsam über Drehbücher oder einen Rohschnitt diskutieren kann, über Filme."

Filmen fürs Leben

Im Ansatz habe das im Vorfeld des Deutschland-09 -Projektes stattgefunden, hört man. Auf der Pressekonferenz anlässlich der Weltpremiere wird jedoch schnell deutlich, wie unterschiedlich die Positionen der anwesenden Filmemacher sind, wie wenig sie miteinander gemein haben.

Für Christoph Hochhäusler gibt es keinen wesentlichen Unterschied zwischen Filmmachen und über Film schreiben, "für mich gehört das zusammen", sagt er und bestellt noch etwas zu trinken.

Gerade arbeitet er an seinem dritten Langfilm, Unter Dir die Stadt , ein Liebesfilm, der in Finanzbranche spielt. "Es geht um das Verhältnis von Finanz- und Realwirtschaft. Die Realwirtschaft ist diesem Zusammenhang die Liebe." Das Drehbuch habe er zusammen mit dem Schriftsteller Ulrich Peltzer verfasst. "Für mich dreht sich das ganze Leben um diese Frage: Wie sollen wir eigentlich leben und wie funktioniert das? Das Filmemachen ist dann nur ein Instrument unter allen anderen."

Als "Berliner Schule" hat man ihn und seine Kollegen bezeichnet, darunter Angela Schanelec, Thomas Arslan, Christian Petzold und Henner Winckler. Nachhaltig haben sie das Ansehen des deutschen Films verbessert. Die Tatsache, dass zwei der besten Beiträge im diesjährigen Berlinale-Wettbewerb aus Deutschland kommen - Hans-Christian Schmids Sturm und Maren Ades Alle Anderen - ist eine Folge dieser Entwicklung. Es ist keine Selbstverständlichkeit, noch immer nicht.

Erfolg sei nicht das Entscheidende, sagt Hochhäusler. "Meine Werte liegen woanders. Mir geht es darum, vor mir und den meinen zu bestehen. Das Beste gemacht zu haben, was ich kann, auch dem Gegenstand gegenüber." Sein Traum von einer Filmsprache der Zukunft wäre eine, die den Zuschauer aktiviert zum Selbsterzählen. "Ein Film müsste eine Welt so anschaulich machen, dass man ihn nur erzählen kann, wenn man ihn ergänzt mit dem eigenen Leben, ihn mitnehmen muss ins Leben." Christoph Hochhäuslers Filme sind ein Versuchslabor dieses Erzählens.