Vielleicht ist es nur konsequent, dass dieses Buch keine Widmung hat. Denn die könnte ohnehin kaum heranreichen an das, was David Wagner darin über und für seine Tochter geschrieben hat. In Prosaminiaturen, manchmal nur kurzen Skizzen hat er ihre ersten Lebensjahre begleitet, hat das nahe Beieinander von Naivität und Klugheit des Kindes festgehalten genauso wie das der Selbstverständlichkeit und unterschwelligen Verwunderung darüber, das eigene Leben von Grund auf neu geordnet zu sehen. Zugleich hat sich Wagner in Spricht das Kind zurückbegeben in die eigene Kindheit und erst dadurch bemerkt, wie unwiderbringlich sie ist.

"Auf einem Foto in meinem Album sieht das Kind den Garten, den wir hatten, seine Bäume, die Rutsche, das bemalte Kinderhaus und die Schaukel", schreibt er. "Und plötzlich ist da ein Schmerz, ein lächerlicher Schmerz, von hier bis zu der Zeit, die auf dem Bild noch Gegenwart war." Nur hin und wieder, etwa wenn der frühe Tod der eigenen Mutter in Erinnerung gerufen wird, bekommen die kleinen Stücke einen melancholischen Ton. Denn es ist nicht nur ein sehr persönliches, sondern auch ein Buch über Kindheit überhaupt.

Wenn man Wagners Prosastücke liest, wird einem einmal mehr klar, wie stark  Kindheit dem Prinzip der Ähnlichkeit unterliegt. Was man an dem eigenen Kind als faszinierende Eigenwilligkeit zu erkennen glaubt, das findet man hier, mal fast mit Schreck, mal mit einem Anflug von Glück, auf fast unheimliche Weise identisch.

Das Kunststück dieses Buches besteht darin, dass Wagner seine Beobachtungen aufs Anthropologische herunterbricht, ohne dass deren Zauber verloren geht. Vielleicht entsteht er gerade dadurch. Dass Wagner diese Schwebe beibehalten kann, liegt an seinen lakonischen Beschreibungen, ohne überflüssige Kommentare. Die sprachliche Komposition allerdings schrammt manchmal haarscharf am Manierismus vorbei.

Spricht das Kind –  und tatsächlich ist es oft das Sprechenlernen, das die Aufmerksamkeit des Vaters, Autors und Kulturjournalisten Wagner auf sich zieht. Der eigenartige, sinnstiftende Klang von Wörtern wird wieder hörbar: das Gefährliche des Krokodils mit seinen scharfen K und den zwei großen O oder das Zischende, Festumschließende vom Strumpf.

Komisch und auf eine liebevolle Art entlarvend ist, was Wagner über das kindliche Sprechen erzählt, indem er es einfach nur zitiert. Über das Nachahmen von Redeweisen, dessen Sinn meist gar nicht so wichtig ist. Vielmehr entsteht durch den Akt der Wiederholung eine Geborgenheit: "Als ich sie kämme, sagt das Kind, Jetzt mußt du sagen, hast du schönes Haar. Du mußt das jetzt sagen, du sagst das doch immer. (…) Dann kämmt das Kind mir die Haare, sagt, Halt schön still, und verlangt, daß ich sage, es ziepe."