Es gibt Klischees, die immer noch verfangen. Auch wenn die Strategen der rechtsextremen NPD tatkräftig dagegen arbeiten, um ihre Chancen im Superwahljahr nicht zu gefährden. Während die Angehörigen der Parteispitze mit betretenen Mienen über die St.Petersburger Straße schreiten, um den Jahrestag der Bombardierung durch die Alliierten historisch umzudeuten, genügt ein Besuch des Bahnhofsklos, um zu hören, wie die Basis tickt: "Hömma, Nationalmannschaft, Jogi Löw und so, kannse voll knicken, sind alles nur noch Kanacken, die da rum laufen", sagt einer, während er seinem Harndrang nachgibt. "Der Özil ist doch kein Deutscher, der ist ein scheiß Türke", sagt er dann noch in der Bewegung, die seine Hosenöffnung schließt.

Gemeint ist der in Gelsenkirchen geborene Fußballprofi Mesut Özil, der vor ein paar Tagen sein erstes Spiel für Deutschland gemacht hat. "Genau" sagt ein zweiter, der ein paar Schritte später am Biertisch mit seinem eingeschweißten Parteiausweis prahlt. "NPD" steht auf dem Kärtchen, das er aus der Geldbörse zieht. Es ist sein Mitgliedsausweis. Für die NPD gilt immer noch der Begriff "Volksdeutscher", ein Pass hat keinen Wert.

Die beiden volltrunkenen jungen Männer mit kahl geschorenem Haar sind außerdem Mitglieder der als gewaltbereit geltenden Gruppe "Skinhead Front Dorstfeld", aus Dortmund. Der eine trägt auch in diesem geschlossenen Raum seine schwarzen Lederhandschuhe zu einem T-Shirt der Rechtsrockband "Children of the Reich", der andere hat eine schwarze Sonne auf den Unterarm tätowiert. Es ist ein beliebtes Neonazisymbol, das an die Waffen-SS erinnert und zu dem Ersatzrepertoire gehört, über das sich die Szene identifiziert, wegen des Verbotes anderer, verfassungswidriger Zeichen.

Die beiden schlagen mit ihren Glaskrügen auf den Holztisch, feixen laut und tönen, "gut dass jetzt jeder die Skinheads aus Dorstfeld kennt". Sie gehören einer Reisegruppe des gealterten Neonazis Sigfried Borchardt an (SS-Sigi), einem prominenten Kopf der Szene, der mehrfach einschlägig vorbestraft ist. Diese Leute sind das wahre Gesicht der NPD.

Die Partei nutzt diesen Aufmarsch, um zwanghaft eine gewisse Einheit der rechten Szene zu demonstrieren, die es in diesen Tagen eigentlich gar nicht gibt. Es ist ihr Wahlkampfauftakt. Der Wiedereinzug in den sächsischen Landtag ist das wichtigste strategische Ziel der NPD im Superwahljahr.

Deshalb würde Holger Apfel, der Fraktionschef der NPD im sächsischen Landtag, heute gerne ein anderes Bild seiner Partei zeichnen. Ihm gefallen all die Lodenmantelträger, die es auch heute hierher geschafft haben, die Familien und Freunde der "Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland", die den Zug aus 5000 rechtsextremen Marschierern anführt. Sauber gescheitelte Studenten in Zimmermannshosen, die Kluft der völkischen Jugend, die sich vor allem in den Universitätsstädten Ostdeutschlands unter die traditionellen nationalkonservativen Burschenschaften mischt. Filzjacken und Wanderschuhe, ungeschminkte junge Frauen mit Flechtzöpfen, die Fahnen mit einem Deutschland in den Grenzen von 1937 schwenken.

Aus der Slowakei sind andere gekommen, auch aus Tschechien: die Gruppe "Narodni odpor" (nationaler Widerstand), die im Herbst noch an pogromartigen Ausschreitungen gegen Sinti und Roma beteiligt war. Gemeinsam demonstrieren diese Leute in Dresden jetzt also für den Frieden.

Dahinter marschieren Kameradschaften aus allen Teilen Deutschlands. Untermalt wird die Demonstration von klassischer pathetischer Instrumentalmusik, die Stimmung angeheizt durch eine Rede des Gastgebers. "Völkermord und Terrorismus tragen den Namen der Vereinigten Staaten und den Namen Israels", hatte Apfel gerade über Lautsprecher erklärt, als Fazit seiner Schelte auf die "angloamerikanschen Kriegstreiber, die Dresden in Schutt und Asche gelegt habe". An die deutsche Kriegsschuld glaubt hier anscheinend niemand, zumindest will niemand etwas davon wissen.

"Gestern Dresden, heute Gaza", steht auf einzelnen Plakaten, mit denen die NPD ihr verqueres Geschichtsbild in die Jetztzeit überträgt. "Großvater, wir danken dir!" hat sich ein Pulk junger Leute in schwarz auf ihr Banner geschrieben. Autonome Nationalisten, eine radikale gewaltbereite Strömung, die sich eigentlich von der NPD nicht vereinnahmen lassen will. Hier passiert es doch. Denn hier geht es nicht um das Gedenken, sondern es geht darum, die Geschlossenheit der rechten Szene zu demonstrieren.

Doch durch sie geht ein Riss, wie durch die NPD. Die Partei streitet um ihren Vorsitzenden Udo Voigt, der heute einträchtig neben seinen parteiinternen Gegnern und hinter dem Banner von Apfels Fraktion marschiert. "Ehre wem Ehre gebührt" steht darauf, und die Parteioberen sind entzückt, als sich Fernsehkameras und Fotografen dieses vorgespielte Bild der Geschlossenheit zu eigen machen. In dem Streit geht es auch darum, wie mit pöbelnden Neonazis wie jenen der Gruppe "Skinhead Front Dorstfeld" zu verfahren ist.

Das alles interessiert die etwa 10.000 Gegendemonstranten in der Stadt nicht. Sie wenden sich vor allem dagegen, dass die Bombennacht von Dresden, als die Stadt vor genau 64 Jahren von alliierten Fliegern dem Erdboden gleich gemacht wurde, politisch von den Rechten missbraucht wird. Sie fordern, dass die Opfer nicht verhöhnt werden von den Politikern jener Partei, die sich in der Nachfolge der NSDAP sieht, die Deutschland vor siebzig Jahren in einen Angriffskrieg getrieben hat, an dessen Ende auch die Nacht vom 13. Auf den 14. Februar stand.

Die Proteste gegen den Neonazi-Marsch formierten sich auf 19 verschiedene Veranstaltungen. Doch das gemeinsame Ziel einte ihre Teilnehmer. Ihre alphabetische Auflistung, von Gregor Gysi (Die Linke), Charlotte Knobloch (Zentralrat der Juden), Franz Müntefering (SPD), Claudia Roth (Die Grünen), Michael Sommer (DGB) bis hin zu Richard von Weizsäcker (CDU), erscheint hier angemessen. Und während die betrunkenen Dorstfelder Skinheads ihren Bus suchen, berichtet das Inforadio des MDR und Nachrichtenagenturen über Ausschreitungen am Rande, "zwischen Anhängern der linken Szene und der Polizei".

Da ist der NPD-Parteivorsitzende Udo Voigt längst abgereist, unerkannt von Skinheads, Polizei und Linken, vom Hauptbahnhof aus. Es bleibt die Frage, wer im kommenden Jahr als NPD-Parteivorsitzender nach Dresden kommt, um Geschlossenheit zu demonstrieren.