ZEIT ONLINE: Angeblich werden Mitarbeiter der staatlichen Unternehmen, etwa der Erdölgesellschaft, massiv unter politischen Druck gesetzt. Wer gegen Chávez ist, verliert schnell seinen Job.

Zelik:  Das ist ein bisschen komplizierter. Nach 1999 hat sich das Management des staatlichen Ölkonzerns PDVSA jahrelang systematisch der Regierungskontrolle entzogen und dem Staat Gewinne vorzuenthalten versucht. Die meisten Beamten haben Chávez bekämpft, indem sie den Staat von innen zu sabotieren versuchten. Jede Regierung würde auf so ein Verhalten mit Disziplinarmaßnamen und Entlassungen reagieren. Was ich absolut inakzeptabel finde, ist die Bespitzelungspraxis gegen Oppositionelle in Behörden. Vor einigen Jahren kursierten Listen von Regierungsgegnern im Staatsdienst. Das waren regelrechte Kontrollarchive. Ich bin gegen Berufs- und Gesinnungsverbote – auch in Venezuela.

ZEIT ONLINE: Ein anderer Vorwurf ist, dass die Regierung die Pressefreiheit einschränkt. Angeblich werden kritische Journalisten bedroht, unliebsamen Sendern wird die Lizenz entzogen.

Zelik: Ich kenne den Bericht der US-Menschenrechtsorganisation human rights watch , die ich ansonsten sehr schätze, kann ihn aber nicht nachvollziehen. Für mich ist nicht zu erkennen, dass die Opposition in Venezuela Probleme hätte, sich zu artikulieren. Es gibt zwei staatliche Fernsehsender – und sechs oppositionelle, die zum Teil sehr militant Propaganda betreiben. Man darf nicht vergessen: Der Putschversuch 2002 war ein Fernsehputsch. Es stimmt, dass viele Zeitungen sich beschweren, sie bekämen von staatlichen Konzernen keine Anzeigen mehr. Aber das ist für linke Blätter in Europa nicht anders. Ich glaube, letztlich ist es für einfache Bürger unter Chávez einfacher geworden, die Meinung kundzutun und eigene Medien zu gründen.

ZEIT ONLINE: Kritisch werden auch die Eliten gesehen, die sich um Chávez herum etabliert haben. Viele gelten als korrupt und ungebildet.

Zelik:  Eliten sind immer kritisch zu sehen (lacht). Aber das stimmt: Der neue Staat ähnelt dem alten auf erschreckende Weise. Mindestens die Hälfte der venezolanischen Minister hat einen furchtbaren Ruf. Vom ehemaligen Vizepräsidenten Diosdado Cabello wissen alle, dass er extrem korrupt ist.

ZEIT ONLINE: Warum wirft Chávez die korrupten Minister nicht raus?

Zelik: Das Regierungslager ist sehr heterogen. Würde Chávez eine echte Anti-Korruptions-Kampagne starten, würde das Bündnis sich gegenseitig zerfleischen. Die Situation hat im Übrigen viel mit den sozioökonomischen Strukturen des Landes zu tun: Venezuela lebt seit fast 100 Jahren von der Erdölrente. Man kann nur ein Einkommen erzielen, wenn man irgendwie im Staatsapparat vertreten ist. Das führt dazu, dass der Apparat aufgebläht wird und alle versuchen, sich und ihre Klientel zu versorgen. Erdölreichtum ist eben auch ein Fluch.