Die Welt, hier wird sie einmal nicht geschildert als etwas, auf dem es hektisch krabbelt und brodelt. Wer Oskar Sodux’ Roman Neues aus Allerwelt gelesen hat, weiß wieder: Die Welt kann soviel mehr sein – und soviel weniger. Ein privates Vergnügen mit frischem Kaffee, Brot, Honig und Butterkuchen. Ein Guckloch auf Durchreise. Ein gemütlicher Platz, auf dem man bei sich bleiben kann, wenn das Rad sich dreht und einen weit hinaus trägt, ins Geschehen. Eine schöne Vorstellung – wenn auch etwas unrealistisch.

Oskar Sodux, 1958 geboren, lebt in Jesteburg bei Hamburg und veröffentlichte zuvor die beiden Geschichtenbände Kreuzzüge in die Grauzone und Es riecht nach Zirkus. In seinem ersten Roman beschreibt er einen einzigen Tag in einer "randständigen Weltecke". Das Erzähltempo ist dabei kein ausgeprägt langsames. Hereinspaziert! scheint er zu rufen.

Der Ich-Erzähler ist ein "König des Morgendämmers". Vor- und umsichtig betrachtet er seine Umgebung, blickt aus dem Fenster auf Nachkriegssiedlungshäuser, Nachbarn und Bushaltehäuschen. Kurz darauf fährt er mit der Vogelliebhaberin Lotte im Zwölfer-Bus durchs Nordniedersächsische. Das Banale alles Besichtigten wird zur Meta-Ebene: Als würde hier Heimat im Kern des Selbst angeboten.

Er und Lotte. Kein Paar. Eine Gemeinschaft. Anfangs wundert man sich: Lotte mit ihren "ägyptischen Augen" und ihrem "unausgewuchteten Gang" verhält sich ihm gegenüber skeptisch. Man weiß noch nicht warum. Ob es daran liegt, dass sich sein Freund Fiedler bei einem Besuch in Lottes alter Kate daneben benommen hat? Und er nicht eingeschritten ist? Denn Fiedler, betrunken vom Rotwein, verdrückte ohne Vorwarnung Lottes gesammelte "zartblasige Jungvogelmumienschädel", steckte sich die einfach in den Mund und kaute, dass es knirschte.

Lotte und der Erzähler rollen zur Arbeit ("Wir fahren auf samtigen blauschwarzen Bändern ganz frischen Asphalts das Gewerbegebiet Ost an"). Kaum dort, beschwert sich Hans, der Lagermeister der Firma "Electro Tech", bei der Geschäftsleitung über den Abzug der Leiharbeitskräfte, die durch ein einziges, übermüdetes Männchen ersetzt wurden. Hans ruft nach der Frühstückspause kurzerhand einen Streik aus und geht mit seinen erstaunten Mitarbeitern ins Café. Da wird Politisches in einer Beiläufigkeit und Gemütlichkeit geschildert, dass es den Leser verdutzt. Das fasziniert.

Auf einem Ausflug in die Stadt betreten Lotte und der Erzähler die Hamburger Michaeliskirche. Er sucht den Grabstein des Obotritenfürstens Gottschalk auf dem Kirchhof, vergeblich. Eine seltsame Erinnerung an das Fahrradölen in einer fremden Garage befällt ihn. Da erzählt ihm Lotte, dass sie ein Kind erwartet – von Fiedler. Der Erzähler spürt den Wunsch nach einem Kuss von Lotte. Im Platonischen ihrer Beziehung entfaltet sich menschliche Größe.