Die Hamburger Börse ist eigentlich kein Ort, der sozialdemokratische Traditionen verkörpert. Der Saal ist hoch, die neoklassizistischen Rundbögen und die schweren Eichentüren zeugen vom wohlhabenden Stolz des hanseatischen Bürgertums. Am Freitagabend ist hier die SPD zu Gast. Am Vormittag hat sie im Bundestag zusammen mit der Union ein 50-Milliarden- Konjunkturpaket verabschiedet, in der Hoffnung , so den Absturz der Volkswirtschaft in Grenzen zu halten. Nun wollen die Sozialdemokraten einen Blick in die Zukunft wagen.

Frank-Walter Steinmeier hat das Wort. Mit einer groß angekündigten Grundsatzrede eröffnet der Vizekanzler, Außenminister und Kanzlerkandidat den sozialdemokratischen Vorwahlkampf. 80 Minuten lang spricht er über "das Jahr der Krise", fordert einen "neuen gesellschaftlichen Aufbruch" und entwickelt "sozialdemokratische Visionen". Anschließend lässt er sich noch über sein Leben befragen, damit die 600 Zuhörer nicht nur den Politiker kennen lernen, sondern auch den Menschen. Aber auch nach zwei Stunden zeigt sich: Der Kandidat Steinmeier hat die Tonlage seines Wahlkampfs noch nicht gefunden.

Die SPD sucht zu Beginn des Superwahljahres einen Weg aus dem Stimmungstief. Eigentlich sind die Genossen wieder etwas optimistischer. Nach einem Jahr der innerparteilichen Querelen und des Flügelstreits ist in der Partei wieder Ruhe eingekehrt. Seit Wochen präsentieren sich die Sozialdemokraten in einer bemerkenswerten Geschlossenheit, im Krisenmanagement der Großen Koalition sind sie die treibende Kraft. Die Union dagegen beschäftigt sich derzeit vor allem mit sich selbst. Doch in den Meinungsumfragen hat sich dies für die SPD bislang nicht niedergeschlagen. An ihrer Basis machen sich schon Zweifel auch an dem neuen Führungsduo breit, dem Vorsitzenden Franz Müntefering und dem Kanzlerkandidaten Steinmeier.

In die gesamte Republik werden in den nächsten Wochen deshalb führende Genossen ausschwärmen, um mit den Wählern über "grundlegende Fragen unserer Zeit" ins Gespräch zu kommen. "Das neue Jahrzehnt" heißt die Veranstaltungsreihe, mit der Steinmeier, Müntefering und Co. im ganzen Lande Präsenz zeigen wollen.

Steinmeier ist in Hamburg für den Auftakt zuständig. Seine Botschaft an Genossen wie an Wähler ist klar: Die Krise wird hart. Keiner weiß genau, was noch auf das Land zukommt. Kein Wort benutzt Steinmeier jedoch häufiger als "Chance", von dem "historischen Zeitfenster" spricht er, in dem nun gehandelt werden müsse. Krise kann Steinmeier, hier findet er findet eine Tonlage.

Doch beim Blick in die Zukunft verliert er seine Linie. Er wolle nicht "in der Pose des Wahlkämpfers gültige Wahrheiten präsentieren", sagt er, schließlich habe man mehr Fragen als Antworten. Doch je länger der Kanzlerkandidat spricht, desto vager werden seine Aussagen, desto weniger wird klar, wofür die SPD außer für erfolgreiches Krisenmanagement eigentlich steht, wie die "langen Linien" aussehen, von denen Steinmeier spricht, und wie die "Basis für ein neues Miteinander" aussehen könnte, die er anbietet.